Schicksal der Welten – Kapitel 5

Ich presste meine Augen so fest zu wie ich nur konnte, erlaubte mir selbst nicht zu atmen, und klammerte mich weiterhin an Even fest. Erst als die Welt um mich herum wieder anhielt, ließ ich ihn langsam los.
Gerade, als ich es wagen wollte meine Augen zu öffnen, riss er sich keuchend von mir los, stemmte sich auf sein linkes Bein und hielt mir seine Hand hin.
Ich blinzelte und sah ihn dann verwirrt an. »Was ist…was ist passiert?«
»Steh erst mal auf! Ich werde dir alles erklären aber nicht hier! «, befahl er und packte mich stattdessen am Arm. Während er aufstand zog er mich mit sich hoch.
»Aber ich verstehe nicht «, flüsterte ich verwirrt und sah mich um. Wir waren immer noch in der Gasse. die Mauer, wo der Eimer krachend gegen geschmettert wurde; war direkt hinter mir, doch irgendwas stimmte hier nicht. Der Himmel war düster, was alles um mich herum dunkler erscheinen ließ, beängstigender.
Langsam drehte ich mich um und erschrak. »Wie kann das sein? «, flüsterte ich und streckte meine Hand zur Mauer aus. Es ragte sich Efeu und Moos an ihr hoch, es war fast nichts mehr von ihr zu sehen. Die Steine jedoch, die noch zu sehen waren, bröckelten und die Mauer auf der anderen Seite sahen aus, als wären sie die Überreste eben dieser Mauer, die einen Bombenangriff überlebt hatte.
»Was soll das alles? Wie konnte…wie ist…wo sind wir? «, fragte ich Even betrübt und drehte mich wieder zu ihm um. Plötzlich hatte ich das Gefühl, der Mantel würde mich erdrücken.
Even hielt meinem Blick nicht stand, er sah zu Boden und schien dabei tief in Gedanken.
»Du würdest es nicht verstehen «, waren lediglich seine Worte. Er wirkte, als hätte er wegen irgendwas aufgegeben.
Was hatte er da gerade gesagt?
»Even! «, forderte ich und machte einen Schritt auf ihn zu, »sag mir, was hier los ist! «
Erst jetzt bemerkte ich all die Geräusche um mich herum. Es waren mehrere Martinshörner zu hören und das Gemurmel von Menschen, die sich unterhielten, viele Menschen.
Er schloss für einen Moment die Augen, rieb sich seine Schläfe mit seiner behandschuhten Hand und sah dann in den Himmel, als würde er ein paar Tränen unterdrücken.
»Ich wollte das hier nicht, ich wollte, dass du normal aufwächst. Nicht so und vor allem nicht… «
Er beendete den Satz nicht, biss sich lediglich betrübt auf die Unterlippe und wartete auf eine Antwort.
Jetzt wurde es mir wirklich zu bunt. »Even, ich weiß nicht mal wovon du redest! Jetzt mach den Mund auf, verdammt noch mal! Was kann so schlimm sein, dass du es mir nicht sagen kannst? «
Er sah mich lediglich an, mit diesem Blick, der so viel aussagte und auch wieder nicht. Ich sah, dass seine Augen mit Tränen gefüllt waren, doch ich wusste nicht wieso.
Es traf mich aus irgendeinem Grund.
Wieso fühlte ich mich diesem Mann so nah? Ich kannte ihn doch kaum.
»Du willst also nicht «, zischte ich, verschränkte die Arme vor der Brust und machte einen Schritt zurück. »Dann werde ich jetzt gehen. «
Ich wollte ihn mit meinen Worten verletzten, weil ich wusste, dass ich es konnte.
Ich wartete nicht auf seine Antwort, ich ging einfach los, doch er kam mir nicht wie erhofft nach. Nein, er verharrte hinter mir.
Ich war sauer, also verschnellerte ich mein Tempo und ließ seinen Mantel einfach über die Schultern zurückfallen.
Ich erreichte das Ende der Gasse und sah mich um. Sie grenzte an die Straße, die ich eben noch entlanggegangen war, doch mich traf der Schlag, als ich sie erblickte. Irgendwas stimmte hier nicht und das ganz gewaltig: Die Menschen auf den Straßen trugen alle dieselbe Kleidung. Sie waren grau und ihre Mäntel waren die gleichen wie Evens. Geordnet liefen sie die Straße entlang, unterhielten sich, doch irgendwie wirkten sie eingeschüchtert. Alles wirkte eingespielt und geordnet.
Mein Blick fiel nach rechts in die Richtung wo eigentlich eine Einkaufsstraße war, doch diese sah aus, als wäre es leergeräumt worden und dann mit den Jahren vermodert. Scheiben wurden eingeschlagen und Läden verwüstet. Alles stank und war verwahrlost.
Aber das konnte doch nicht sein oder? Ich war doch eben erst hier gewesen und alles war normal.
Ich hielt mir beide Hände vor den Mund, um nicht zu schreien, denn das alles überforderte mich maßlos.
Mein Blick fiel nach links, als ich die großen Monitore sah. Alles in dieser Straße erinnerte mich an den New Yorker Timesquare mit seinen großen Bannern und Displays. Doch auf den großen Werbetafeln waren keine Infos zu sehen, nein etwas viel Schrecklicheres: Auf dem größten Bildschirm an dem höchsten Gebäude, das mit Sicherheit vorher auch nicht da war, waren Gesichter zu sehen. Gesichter von Menschen die gesucht wurden, wie im Wilden Westen. Immer wieder las eine Computer Stimme ihre Namen vor, direkt unter dem eigeblendeten Bild blinkte der Name auf und direkt darunter ragte die große Zahl, die wohl das Kopfgeld bedeutete.
Der erste Name, der aufblinkte war „Tera Sorth“. Sie war eine Asiatin, doch sie blickte böse drein. Ihr Gesicht prangte auf diesem großen Turm und darunter erschien die Zahl 30.000 aber keine Geldeinheit. Die Computer Stimme wiederholte dabei immer wieder mit monotoner Stimme diesen einen Satz: „Die Terroristin Tera Forth. Bitte achten sie auf ihre Umgebung! Sollten sie Tera Forth oder einen ihrer Komplizen sehen, so melden sie dies unverzüglich ihrem Commander. Bei sachdienlichen Hinweisen erwartet sie eine Belohnung.“
Dann kam das nächste Bild, welches auch wieder in jedem Schaufenster über ein Holobild projiziert worden war. Die Menschen bekamen diese Nachricht sogar auf ihre Tablets, die die Gesichter wie von Geisterhand, und wie ich es bisher nur in dem Film Minority Report gesehen hatte, anzeigte.
Eine schwarzhaarige Frau mit einem schulterlangen Bob und einer Kapuze war nun zu sehen. Allerdings war das Foto wohl aufgenommen worden, als sie schlecht drauf war, denn sie schrie darauf genervt in die Kamera. Auch hier erfolgte wieder die Computerstimme, die mich jetzt schon nervte, doch ich erfuhr, dass die Frau Catherine Wella hieß. Darunter allerdings erschien die Zahl 40.000.
Das nächste Bild jedoch versetzte mir einen Stich ins Herz. Ich konnte nicht anders, als meine Augen weit aufzureißen. Es war darauf ein großer Mann zu sehen, er war Mitte dreißig und hatte lange weiße haare, die zurück geflochten waren. Es ragte eine große Narbe über seinem Auge, doch das Foto wurde scheinbar in Bewegung gemacht, denn es war verschwommen.
Ich konnte es nicht glauben, denn es war ein Bild von Even nur mit weißen statt rötlichen Haaren.
Die Computerstimme ertönte erneut und diesmal blinkte die Zahl 100.000 auf.
Ich fiel auf meine Knie und konnte es nicht glauben. Even, ein Terrorist?
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wurden plötzlich ein paar Leute auf mich aufmerksam. Sie unterhielten sich, doch plötzlich wurden ihre Stimmen leiser und immer mehr von ihnen sahen zu mir herüber. Mit meinen für sie bunten Klamotten fiel ich natürlich sofort auf.
Oh Gott, wo war ich hier nur gelandet? Diese Welt wirkte überhaupt nicht mehr wie die, die ich kannte. Wo hatte er mich nur hingebracht?
Aus der Menschenmenge vor mir lösten sich ein paar Personen, kamen vorsichtig blickend langsam auf mich zu und sahen mich argwöhnisch an. Sie sahen nicht freundlich gesinnt aus, nein, ganz im Gegenteil, sie wurden immer schneller.
Die ersten Menschen hatten bereits die Hälfte der Straße erreicht, ehe ich aufstand und mein Puls, wie abermals an diesem Tage, zu pochen begann. Ich musste hier weg, ich wusste es, doch ich wusste nicht wieso.
Plötzlich packte mich jemand unsanft von hinten, schwang mir seinen Umhang um und zog mich mit sich nach rechts. Mein Herz blieb für einen Moment stehen, als ich seinen unverkennbaren Geruch erkannte.
»Halt den Mund, komm mit mir mit und verhalt dich unauffällig, sonst sind wir alle tot!«
Ich gehorchte, denn ich wusste es war ernst. Ich nahm den Kopf runter, schlang meine Arme um ihn und versuchte die Tränen zu unterdrücken, was für mich gerade kaum noch möglich war.
»Hey! «, ertönte hinter uns die erste Stimme.
»Hey ihr! Bleibt stehen! «, rief der nächste etwas rauer.
Evens Geschwindigkeit zog an und ich versuchte mitzuhalten, doch es wurden immer mehr Menschen auf uns aufmerksam und bauten eine Mauer vor uns auf. Polizei Sirenen ertönte immer lauter und Even blieb plötzlich stehen.
»Fuck! «, flüsterte er verärgert und sah mich an.

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