Schicksal der Welten – Kapitel 4

Wie ich wieder an diesen Ort zurück gelangt war, wusste ich selbst nicht. Wieso ich hier war, war mir ebenfalls ein Rätsel und alles was ich wusste war, dass ich hier sein muss – wieso auch immer.Meine Haare lagen schwer auf meinen Schultern. Es war noch nass vom Duschen, soweit erinnerte ich mich langsam wieder und allmählich blitzten sogar wieder ein paar kleine Gedankenfetzen in meinem Kopf auf.
Es versetzte mir einen kurzen Schlag, als sich ein Bild vor mein geistiges Auge schob: Ich war nach dem Duschen die Treppe hinabgelaufen mit den Worten » Bin noch mal weg Mum. Komme aber sofort wieder! « Dann hatte ich so schnell wie möglich die Tür hinter mir zu gezogen und bin losgerannt. Ich wusste scheinbar, dass Mum mich aufhalten würde, also nahm ich die Füße in die Hand und lief los.
Doch wie ich hier her kam, wollte mir einfach nicht einfallen. 
Ich bin schon mal hier gewesen, so viel war sicher und es fühlte sich auch komisch an, hier an diesem Ort auf diese Mauer zu blicken.
»Warum bin ich hier? «, murmelte ich, während ich mich fragend umsah. Diese kleine Gasse, die am Tage schon so furchteinflößend war, doch zu dieser späten Stunde war sie viel mehr als das. Sie war ein Tor zur Hölle. Es hätte mich nicht gewundert, käme just Jemand hinter den Mülltonnen hervor und stach mich ab. Das hier war der perfekte Ort, um Jemanden umzubringen, denn es schallte noch der Lärm einer nicht so nahen Diskothek in diese kleine Ecke des Ortes, sodass mich niemand hören würde und die großen Industrie Mülleimer um mich rum, würden es einfach machen meinen Körper verschwinden zu lassen.
Der Schnee fiel langsam aus den Wolken. Nicht viel, doch es war so viel, doch es reichte, dass er liegen blieb. So viel, dass es für Fußspuren reichte.
Ich blickte zurück und sah wieder diese verdammte Mauer an und grübelte. Dass ich mich nicht erinnern konnte, was ich hier suchte war komisch und ließ mich an mir selber zweifeln, doch der Drang in mir hier zu sein, war größer als die Angst hier überfallen zu werden. Aber warum?
Ich zitterte am ganzen Leib, als ein großer Windhauch von vorne nach hinten durch die Gasse zog und rieb mir die Arme. Wieso ich keine Jacke dabei hatte wollte mir ebenfalls nicht einfallen. Alles war so, als würde ich es durch einen dumpfen Nebel sehen, als wären dies nicht meine Erinnerungen. Naja die, die ich noch hatte. Wenigstens hatte ich an meine Schuhe gedacht.
Ich konnte mir nicht helfen: Je mehr ich darüber nachdachte was in den letzten Stunden passiert war, desto weniger erinnerte ich mich. Langsam wurde ich echt wütend, doch es half alles nichts, nicht mal das angestrengte Gesicht, das ich dabei machte.
Mein Blick glitt über den Boden, ich bückte mich, um nach einer kleinen Blume zu greifen, die zwischen zwei Steinen hervor gewachsen war. Sie war rot und wunderschön.
Ein Lächeln huschte sofort über mein Gesicht, als ich daran dachte, dass Rot meine Lieblingsfarbe war.
Plötzlich hörte ich hinter mir ein leises Geräusch und fuhr herum.
»Wer ist da? «, flüsterte ich vorsichtig, denn ich war mich sicher, dass ich jetzt nicht mehr alleine war. Die Angst stieg unterdes wieder in mir hoch, ließ meinen Puls sofort in die Höhe schießen. Mein Blick schoss nach vor, zur Seite und auch nach Oben. Doch da war Niemand. 
Meine Gedanken schienen mir wohl einen Streich zu spielen, doch gleichzeitig glaubten sie auch nicht daran, dass ich verrückt würde.
Ich rieb mir hastig durchs Gesicht, versuchte mir dadurch etwas Klarheit zu verschaffen und meine Gedanken zu ordnen, doch als ich meine Augen öffnete, sah ich sie: Fußspuren. Ich war also nicht verrückt.
Sie waren die Sorte Spur, von denen ich jetzt definitiv Angst haben sollte, denn sie waren groß und zeigten genau in meine Richtung. Als wäre Jemand auf mich zu gelaufen und dann vor mir einfach verschwunden.
Wie konnte das passieren? Wo kamen sie her und wieso habe ich den dazu gehörigen Mann nicht gesehen, als er sie hinterlassen hat?
Ich war mir jetzt sicher, dass meine Sinne mir einen Streich spielten und meine Beine trugen mich unweigerlich rückwärts auf die Mauer zu. Ich ließ nicht zu, dass ich verrückt wurde, weshalb ich panisch nach links und rechts blickte, während ich einen vorsichtigen Schritt nach dem anderen zurücksetzte.
Ich war so panisch, dass ich nicht bemerkte, dass ich auf die Wand zu lief und gegen sie knallen werde, doch ich dachte auch nicht darüber nach, denn an alles, was ich denken konnte, waren diese verdammten Fußspuren.
Ich hatte die Mauer fast erreicht, fuhr mit meinen Armen um meinen Körper, der inzwischen eiskalt war und fing an zu weinen. Warum ich das tat? Ich wusste es nicht.
Ich war mir sicher, ich hätte die Mauer erreicht, prallte mit meinen Schulterblättern zuerst gegen sie und stieß dann wieder etwas nach vorn, doch die Mauer war nicht wie angenommen kalt und rau. Nein, sie war warm und weich. Doch wieso?
In dem Moment, als ich mich umdrehte schwarnte mir bereits böses. Ich verkrampfte, drehte meinen Kopf so langsam wie ich nur konnte zur Seite, und sah ihn: Den Mann, weshalb ich hier war.
Meine Augen wurden so groß, dass sie mir fast herausfielen, mein Herz schlug mir bis zum Hals und mein Magen drehte sich, doch das alles änderte sich ganz plötzlich und mit einem Schlag. Das alles hörte sofort auf, als ich es spürte: Die Wärme seiner Jacke breitete sich von meinen Schultern über meinen Rücken, bis hin zu meinen Beinen aus, denn sie ging mir bis zum Boden. Das Fell, dass sich an dem Mantel (Nein, es war scheinbar doch keine einfache Jacke) befand, war weich und sanft und nahm mich liebevoll in Empfang, ließ mich den Atem anhalten und roch dabei nach etwas, das ich im ersten Moment nicht einordnen konnte. Nun stand ich vor ihm, nach hinten lauernd und wusste nicht, was ich tun sollte, denn seine Hände ruhten immer noch auf meinen Schultern. Er hatte sie noch nicht wieder weggenommen, seit er mir seinen Mantel über die Schultern gelegt hatte. Sie waren ebenfalls warm, und auch sonst schien nichts an ihm darauf hinzudeuten, dass er selbst kalt hatte. Im Gegenteil, er wirkte glücklich und zufrieden, doch es lag auch Leid in seinen Augen, das sah ich nun. Wir starrten uns gegenseitig an, er schien etwas sagen zu wollen, doch er tat es nicht. Sein Kiefer war angestrengt, seine Augen verengt.
Als er bemerkte, dass ich ihn nicht auf die gleiche Weise anstarrte wie er mich, nahm er seine Hände langsam zur Seite und ich machte einen Schritt nach vorn, als plötzlich ein stechender Schmerz durch meine Schläfe zog. Schlagartig war alles wieder da: Die Männer, diese Gasse und vor allem: Nora.
Der Schmerz nahm mich ein, pulsierte in meinem Hirn und zeigte mir auf einen Schlag all die Bilder, die ich scheinbar verdrängt hatte. Das hier war der Ort. Der Ort, an dem Nora starb, an dem Die Männer uns töten wollten.
Ich hielt den Druck nicht aus und fiel auf die Knie. Der Mantel landete links und rechts von mir sanft im Schnee, doch er wärmte mich noch immer. 
»Es wird alles gut «, flüsterte er, um mich zu beruhigen und ging ebenfalls in die Hocke.
Ich fuhr hoch, denn ich wollte nicht, dass er mich noch ein Mal berührt. »Wer bist du? « 
Ich wusste nicht, ob er Freund oder Feind war, das galt es erst einmal zu klären.
Er sah mich verblüfft an. »Wer ich bin? «
Ich blieb standhaft und wisch seinem Blick nicht aus. 
Ein arrogantes Lächeln umspielte plötzlich seine Wundwinkel, während er sich wiederaufrichtete. »Ich bin einfach nur ein Mann, der dich gerettet hat. Mehr musst du nicht wissen! Dankbarkeit ist das, was ich eigentlich von dir sehen wollte.« 
Mein Kiefer spannte sich an und ich machte einen großen Schritt zurück. »Ich muss nicht mehr wissen und dankbar soll ich auch noch sein? Wir müssen zur Polizei, verdammt! Ich erinnere mich endlich wieder! « 
Sein Blick veränderte sich sofort. Der ohnehin schon große Mann vor mir, wirkte plötzlich noch großer, als er einen Schritt auf mich zu machte und aufschloss. »Das wirst du nicht! «, sagte er eindringlich. »Du wirst das hier vergessen! Egal wie schwer das für dich sein wird, du wirst das wieder vergessen! « Ruckartig nahm er seinen Arm hoch, griff damit nach meinem, zog mich nah an sich und sah mir jetzt direkt in die Augen, sodass ich den Atem anhielt. So schnell, wie er mich an sich gezogen hatte, konnte ich gar nicht reagieren. Die Träne, die mir aus dem Auge kullerte fing er mit seinem Daumen auf und legte dann seine große Hand auf meine Wange.
Er betonte jetzt jedes Wort einzeln und es lag so viel Intensität darin, dass es mir eine Gänsehaut über den ganzen Körper jagte. »Du wirst dich nicht mehr an das hier erinnern! Du wirst nach Hause gehen und dein Leben ohne Krieg, Leid und Verlust fortführen. So, wie ich es für dich vorgesehen habe. Für dich und für mich! « 
Ich schluckte schwer und konnte meine Augen nicht von seinen lösen. Sein Gesicht war nur wenige Zentimeter von meinem entfernt und erst jetzt erinnerte ich mich wieder, was das für ein Duft war. Er roch nach Blumen in einer warmen Sommernacht.
Ich starrte ihn weiterhin an, nutzte die Chance mir sein Gesicht einzuprägen und dachte nicht weiter über seine Worte nach, denn für mich machten sie eh keinen Sinn. Oder vielleicht wollte ein Teil von mir auch gerade nicht darüber nachdenken.
Kleine Schneeflocken hatten sich auf sein geflochtenes Haar gesetzt, ließen ihn weicher wirken und normal. Zu normal, denn das war er nicht, das sah ich ihm gerade einfach an.
Er war nicht wie die Jungs, die ich kannte, nein, das zeigten mir seine Gesichtszüge, die scheinbar schon viel Leid ertragen hatten. Wie alt er jedoch war, konnte ich nur schätzen, doch würde ich wetten müssen, würde ich auf Mitte dreißig tippen. Über seinem linken Auge ragte eine tiefe Narbe, die ihn angsteinflößend machte, was sein Vollbart jedoch wieder wettmachte, weil ich ihn, so doof das auch klang, einfach anfassen wollte. Es sah weich aus, er fühlte sich sicher gut an.
Wie von Geisterhand stieg meine Hand in die Luft, aus dem Augenwinkel sah ich, wie sie auf sein Gesicht zufuhr. Innerlich schrie ich sie an es nicht zu tun, doch kurz davor stoppte ich und sah ihm wieder in die Augen.
Mein Herz machte einen Satz nach vorne, als ich bemerkte, dass er es genoss, wie ich ihn ansah, dass ich ihn musterte. 
Sofort riss er sich von mir los, trat zurück und drehte sich weg. Abermals kramte er in seiner Tasche, so, wie er es beim letzten Mal auch schon getan hatte.
»Was hat es mit der Uhr auf sich? «, hörte ich mich fragen und glaubte plötzlich selber nicht, dass ich das wirklich gefragt hatte.
Er sagte nichts, sah mich lediglich wieder an und schien genervt.
»Was? «, fragte ich patzig und verschränkte die Arme.
»Das war ja klar «, sagte er etwas zu abwertend und kam auf mich zu, während er seine Uhr wieder in seine Hosentasche steckte. »Die Prinzessin lässt sich wieder mal nicht beeinflussen. Wie immer. « 
Mit diesem Satz packte er mich am Arm, ging an mir vorbei und zog mich dann hinter sich her.
»Was machst du denn da? «, rief ich verwirrt und wehrte mich gegen seinen Griff, doch er war stärker. Er schaffte es mich mit sich zu ziehen, egal wie sehr ich versuchte meinen Arm aus seinem Griff zu lösen. Ich schrie, stemmte mich gegen ihn und resignierte schließlich, als wir den großen Container erreicht hatten.
Er sah mich wieder an.
»Was? «, zischte ich genervt und verdrehte die Augen.
»Könntest du etwas leiser sein? «, flüsterte er und holte erneut seine Uhr aus der Tasche.
»Ja, juhu «, machte ich mich über ihn lustig und wedelte mit den Armen, »er holt wieder seine Taschenspielertricks raus.« 
Oh! ich hatte ihn mit diesen Worten wohl getroffen, denn sein Gesicht wurde starr und seine Augen glühten. Ich wusste, das hätte ich nicht sagen sollen. Die Uhr schien ihm wirklich was zu bedeuten.
Gerade, als ich zu einer Entschuldigung ansetzen wollte, gab es hinter uns einen lauten Knall. Der Mülleimer, der eben noch vorne am Anfang der Gasse gestanden hatte, flog plötzlich mit einer Wahnsinns Geschwindigkeit in unsere Richtung, wie ich es noch nie gesehen hatte. Der Mann, dessen Namen Even war – ich erinnerte mich plötzlich in diesem Moment wieder daran – bekam mich noch zu packen und warf mich zu Boden. Der Eimer knallte hinter uns gegen die Mauer, zersprang mit einem lauten Knall in tausend Teile und fiel zu Boden. Der Müll stank fürchterlich. Ich hatte wohl recht mit dem Leichen los werden.
Mein Herz raste wie wild, denn es ging alles so schnell. Panisch sah ich auf, direkt in Evens Augen, doch dann sah ich etwas, dass ich dort noch nicht gesehen hatte: Furcht.
»Das kann nicht wahr sein! Nein…nein nein nein! Sie haben uns gefunden! «, murmelte er panisch.
Ich schaffte nicht mehr da hinzublicken, wo er hingesehen hatte, um zu sehen, was ihn so ängstigte, denn er warf sich blitzschnell auf mich, umklammerte seine Uhr mit der einen Hand und mich mit der anderen. Ehe ich mich versah, fing die Welt um mich herum an zu vibrieren. Die Welt verlief und verzerrte sich, und mein Körper sendete mir Signale, die ich bisher nicht kannte. Es riss mich förmlich auseinander, und ich hatte das Gefühl, in einem Fleischwolf zu stecken und die Angst, vor dem was kam, packte mich erneut. Ich konnte nicht anders, als mich an ihn zu pressen und meine Augen zu schließen. Ich beschloss ihm zu vertrauen, denn schließlich hatte er mich schon einmal gerettet. 
Mein Körper zitterte und bebte, doch es war alles plötzlich so schnell vorbei, wie es angefangen hatte. Verblüfft öffnete ich meine Augen.

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