Schicksal der Welten – Kapitel 3

Langsam trottete ich die lange Straße entlang Richtung Heimat, doch nicht, ohne mich immer wieder verstohlen umzusehen. Mit Beiden Händen umklammerte ich meine Jacke fest am Kragen, denn der Wind pfiff durch die Luft und drang mich immer wieder ein Stück zurück. Doch von dort woher ich kam, wollte ich keines Falls zurück, also stemmte ich mich dagegen. Mit aller Kraft.

Erst als ich am Ende der Straße angekommen war, und mich schließlich das rote Ampel Menschchenen zum Stehen zwang, sah ich auf in den Himmel. Es hatte bereits zu schneien begonnen, so wie meine Mutter es mir prophezeit hatte, doch war ich so in Gedanken versunken gewesen, dass ich es nicht bemerkt hatte.

Die Menschen um mich herum, schienen plötzlich müde und ausgelaugt. Eine Frau, die direkt neben mir stand und wartete, hatte bereits ihre Krawatte an ihrer Bluse geweitet. Sie war wohl Stewardess, denn sie trug trotz des starken Windes einen Rock und das dazu passende Hütchen, dass sie mit einer Hand festhielt, während sie ungeduldig darauf wartete, dass die Ampel umschlug.

Langsam sah ich nach rechts und bemerkte eine Mutter mit zwei kleineren Kindern, die lauthals quengelten. Sie wirkten, als hätte sie einen anstrengenden Tag im Zoo gehabt, denn ihre Mutter tat alles dafür, dass das rothaarige Mädchen endlich ihre Jacke anzog. Dies tat sie mit einem Rucksack auf dem Rücken, beiden Jacken (inklusive ihrer) auf dem Arm liegend und ein paar Luftballons hinter ihr hinaufragend, die am Reißverschluss des Rucksackes befestigt waren. Diese bestimmten Ballons gab es nur im Revmoore Park, denn früher war das einer der aufregenden Gründe für mich, mit meinen Eltern diesen Park zu besuchen. Ein wenig überfordert sah die Frau ihre Tochter an und zog dann die Achseln hinauf.

Doch wieso Die Menschen alle so früh am Morgen so gestresst waren, verstand ich nicht.

>>Wir sind ja gleich zuhause, es war ein anstrengender Tag, Ich weiß <<, versuchte die Mutter einem der Mädchen zu versichern, damit sie nachgab und ging los, als das grüne Männchen auf der Ampel erschien.

>>Was? <<, flüsterte ich verwirrt und setzte mich ebenfalls in Bewegung.

Verwirrt von ihrer Aussage, sah ich mich um, während ich unsicher einen Schritt vor den anderen auf dem übergroßen Zebrastreifen machte, während mich meine Mitmenschen nicht zu beachten schienen.

Die Autos hupten schlagartig, es drang plötzlich ziemlich lauter Lärm in meine Ohren, der vorher nicht da gewesen war, und die Schritte, die die Menschen um mich rum machten, wurden mit einem Mal lauter, dröhnten mir fast in den Ohren.

Der Verkehr hatte eingesetzt, doch das war nicht üblich um diese Zeit. Wir hatten früh am Morgen, dessen war ich mir sicher. Das hieß, dass alle Menschen bei der Arbeit waren…doch irgendwas lief hier falsch.

Diese Menschen wirkten nicht, als wären sie auf dem weg zur Arbeit.

Sie kamen von der Arbeit.

Gerade noch so schaffte ich es vom Zebrastreifen herunter auf die andere Seite zuspringen, als ein schwarzes Auto auch schon hupend und pöbelnd an mir vorbei fuhr. Ich hatte wohl nicht bemerkt, dass es bereits wieder rot war.

Unsicher drehte ich mich um, kassierte jetzt abwertende Blicke der um mich anwesenden, die mich zu einem Freak erklärten, doch gingen sie murmelnd weiter.

Wie lange war ich wohl schon ziellos durch die Stadt gelaufen?

Fragend sah ich mich um, suchte nach einer Uhr an eines der vielen Stände oder Geschäften, das sich eins nach dem anderen an die Straße reihte.

Sie blinkten und blitzten, in ihrem üblichen Rhythmus. Zeigten mir den Weg zu Burgern und Spezialitäten, die es nur dort zu kaufen gab, doch Niemand zeigt mir, was ich sehen wollte.

>>Entschuldigen sie? <<, flüsterte ich einer Frau zu, während ich meinen Arm nach ihr ausstreckte, doch diese erschrak sofort als sie sich genervt zu mir umdrehte. Sie sah mich erschrocken von oben bis unten an und schnellten dann davon, ohne mich noch ein weiteres Mal anzusehen.

>>Was…was ist denn? Ich wollte doch nur wissen, wie spät es ist <<, blaffte ich ihr hintern.

Ich beschloss es erneut zu versuchen, doch die Menschen um mich herum, hatten sich bereits in alle Richtungen aufgeteilt und machten einen Bogen um mich.

>>Sir, bitte! <<, flüsterte ich verzweifelt und streckte auch ihm meine durchgefrorene Hand entgegen, als ich es selbst bemerkte.

Meine Hände waren blau, doch das war nicht das schockierende.

Schnell sah ich an mir hinab: meine Hände und ein Teil meiner Jacke waren voller Blut.

Noras Blut.

>>Nora <<, murmelte ich traurig und es versetzte mir erneut einen Stich ins Herz, als die Bilder wieder in meinem Kopf auftauchten. Doch ich konnte und wollte jetzt nicht darüber nach denken. Also fasste ich einen Entschluss: Ich schüttelte die Gedanken ab, umklammerte erneut meine Jacke und lief einfach los. Ich lief so weit, wie meine Füße mich trugen, rannte immer weiter in der Hoffnung endlich anzukommen. Der Schnee hatte sich bereits auf den Straßen verteilt, weshalb die Leute um mich herum langsamer gingen. Doch ich tat das nicht. Ich lief an den Leuten die mir entgegen kamen vorbei, drang mich durch sie hindurch und kannte kein Halten mehr, als endlich am Horizont das kleine blaue Haus erschien.

Erleichtert blieb ich stehen, wusch mir erwartungsvoll eine kleine Träne aus dem Augenwinkel, während mein Atem bereits vor Kälte etwas Rauch ausstieß und rannte weiter dem Haus entgegen, bis mein Herz immer kräftiger schlug und ich die Haustür schlussendlich erreichte.

Keuchend legte ich eine Hand auf die Klinke und lugte vorne in das Küchenfenster, um zu sehen, ob Mum zuhause ist. Doch sie war es scheinbar nicht.

Erleichtert kramte ich in meinen Taschen nach meinem Schlüssel, doch als ich ihn heraus ziehen wollte, ließ ich ihn versehentlich fallen, denn meine Hände waren viel zu durchgefroren, als das ich ihn vernünftig greifen konnte.

>>Fuck! <<

Schnell hob ich ihn wieder auf und versuchte es erneut. Es klappte erst nach dem dritten Versuch.

Ich hatte die Tür noch gar nicht weit genug aufgedrückt, da schob ich mich bereits zwischen sie und den Türrahmen, um die kleine Treppe, die in den obersten Stock führte, zu erreichen.

Die Panik hatte mich wieder. Wenn Mum jetzt nach Hause kommen würde, würde sie auch meine blutige Jacke sehen und dann natürlich wissen wollen, was passiert war.

Doch was war denn wirklich passiert?

Könnte ich ihr erzählen, dass Nora…Dass sie nicht mehr da ist?

Ist sie das denn überhaupt?

Schnell drückte ich die Klinke meiner Zimmertür herunter und trat ein. Mit einem lauten Knall flog sie zu und ich presste mich erleichtert hinter die Tür und rutschte erschöpft und seufzend an ihr hinab.

Es erschien mir alles so unwirklich, als wäre das Ganze gar nicht passiert, doch ich habe es doch wirklich erlebt. Oder?

Wird Nora dann morgen nicht zur Schule kommen? Wird es auffallen, dass sie nicht da ist?

Mit meinen Händen fuhr ich mir langsam durch mein Haar, kämmte mir meinen Pony aus dem Gesicht und dachte weiter über die Konsequenzen nach. Würde die Polizei dann nicht mit mir sprechen wollen? Dann müsste ich ihnen auch von dem mysteriösen Typen erzählen, der mich gerettet hat, doch das würde meine Mutter überhaupt nicht gut finden. Sie ist stets hinter mir her und versucht zu überwachen, was ich tue. Doch ich bin schlauer.

Das letzte mal, dass meine Mutter wirklich wusste, was ich tue, war in der dritten Klasse. Seither log ich nun mal, wenn es um wichtige Dinge wie Dates ging.

Mühsam glitten meine Finger durch mein Gesicht, gruben sich ihren weg von meinem Kinn bis hin zu meinen Haarspitzen, die ich schließlich erschöpft zurückstreifte. Mein Blick glitt dabei an die Decke.

»Was mach ich nur? «, flüsterte ich benommen und schloss meine Augen erneut seufzend, als mich nur wenige Augenblicke später ein leises Klicken aufschrecken ließ.

Das war meine Mutter. Definitiv, das hörte ich am Drehen ihres Schlüssels. Sie war also zurück.

Eigentlich war ich schon zu alt, als dass ich noch zuhause wohnte, doch meiner Mutter machte es nichts aus für eine Person mehr oder weniger zu kochen oder zu Waschen. Im Gegenteil: Sie liebte es, dass sie ihre Tochter vermeintlich noch unter ihre Fittische hatte. Sie lebte förmlich dafür, war eine einfache Frau, genau wie mein Vater und sie waren stets bemüht mich ehrlich und hart arbeitend heran zu ziehen. Nun, das klappte zugegebenermaßen nicht immer, doch auch ich war ebenfalls stets bemüht es ihnen Recht zu machen. Ich half den Kindern in der Nachbarschaft. Half ihnen bei den Hausaufgaben und gab ihnen Nachhilfe, weil meine Mutter stolz auf mich war, wenn ich es tat.

Dennoch, es war auf der High-School eher üblich, dass man gegen Ende des letzten Schuljahres bereits einen Plan hatte, dass man wusste was man will und wer man war.

Das war bei mir leider nicht der Fall. Das war ein Grund, warum meine Mum so eine Glucke war.

»Schatz? «, hörte ich sie aufgeregt die Treppe hinaufrufen, ehe auch schon ihre schnellen Schritte folgten. »Elisabeth? Bist du Zuhause? «

Ich erschrak.

Nein! Sie darf mich nicht so sehen!

Sie würde mir Fragen stellen, auf die ich keine Antworten hatte. Nicht zuletzt wegen des ganzen Blutes auf meiner Jacke. Oder wollte sie gar Antworten, die ich nicht auszusprechen vermag, also zwang ich mich selbst einen kühlen Kopf zu bewahren.

Ich stand blitzschnell vom Boden auf und meine Augen suchten Panisch nach einer Lösung, die mir im besten Falle zuflog und dazu noch plausibel klangen. So, dass meine Mutter sie glaubte.

Als erstes fiel mir mein Nachtisch auf, auf dem viele kleine Nagellack Fläschchen standen, doch es waren zu wenige, als dass ich es hätte so aussehen lassen können, als hätte ich sie mir versehentlich über die Jacke gekippt. Also suchte ich weiter.

Ihre Schritte hallten bereits immer lauter, sie hatte schon die Hälfte der Treppe erreicht und mein Herz pochte immer schneller, schlug mir schon bis zum Hals.

Wenn mir nicht bald etwas einfallen würde, würde sie mich kalt erwischen.

Mit wedelnden Armen lief ich durch mein Zimmer hielt mir dabei den Mund mit beiden Händen zu, um keine Geräusche zu machen, doch stieß ich dabei plötzlich mit meinem Zeh gegen die Rolle des Drehstuhls, den ich passieren wollte, um ins Badezimmer zu gelangen, und landete daraufhin unsanft mit den Händen voraus auf dem Boden.

Der Schmerz durchzog nicht nur meinen Zeh, nein mein ganzer Fuß pochte, als hätte er einen Kampf gegen einen Ziegelstein haushoch verloren, doch ich versuchte mir nicht anmerken zu lassen, wie schmerzhaft es war. Ich biss mir auf die Unterlippe, verdrehte die Augen schmerzverzehrt und stand auf. Humpelnd steuerte ich die Badezimmertür an, und erreichte sie noch gerade so, als die Tür aufschlug.

Blitzschnell schloss ich die Badezimmertür, und drehte den Knopf zum Abschließen so fest um, dass das Schloss eigentlich hätte aus der Tür herausspringen müssen.

Erst jetzt traute ich mich Luft zu holen, doch ich durfte jetzt nicht müde werde. Schnell drehte ich mich um, erreichte die kleine Dusche und zog mit letzter Kraft und brennendem Fuß an der Armatur, ehe auch schon das Wasser erst langsam, dann schnell an mir herunter prasselte.

Es dauerte nur einen kleinen Moment, da hatte das heiße Wasser das kleine Badezimmer in Dampf gehüllt, doch ich hing immer noch mit einem Arm am Wasserschlauch und umklammerte ihn, als wäre er mein Lebensretter.

»Beth? Du bist zuhause?« Sie klopfte und drückte dabei die Klinke herunter, doch die Tür ging nicht auf.

»Ja, Mum «, rief ich zögernd und suchte fieberhaft nach einer Ausrede, die stimmig klingen würde. »Ich dusche. Ich komme gleich zu euch runter. «

Als ich die Worte ausgesprochen hatte, wollte ich mir am liebsten selbst ins Gesicht schlagen.

Ich komme gleich zu euch runter? Schlimmer ging es ja kaum. Ich hatte mich selbst auf einem Silbertablett serviert. Mit einem Apfel im Maul und bereits verzehrfertig geschnitten.

Erneut drückte sie die Türklinke herunter. »Ist…ist alles in Ordnung Schatz? «, fragte sie betrübt. »Mach doch kurz die Tür auf, ja? Ich will nur sichergehen, dass es dir gut geht! «

Was wollte sie?

»Mum «, zischte ich übertrieben mit zusammengezogenen Augenbrauen . »Mir geht es gut. Ich war diese Nacht bei einer Freundin. Nichts Besonderes also «, wank ich ab und zog meinen Arm endlich zurück.

»oh,ok…ich meine…klar «, flüsterte sie schließlich leise nachdem sie darüber nachgedacht hat, doch ich konnte es dennoch hören. »Versprich mir, dass du runterkommst! Ich habe mir große Sorgen gemacht.«

Ihr tadelnder Ton war längst nicht der, den ich kannte, wenn ich etwas getan hatte, was sie nicht für richtig erachtete. Das überraschte mich, doch gleichzeitig machte es mir Angst.

»Versprochen! «, flüsterte ich fast unmerklich in der Hoffnung, dass sie es nicht gehört hat, doch ich wusste, dass ich aus der Nummer eh nicht mehr herauskommen würde.

Das Wasser ließ ich an, doch stand ich langsam auf. So, dass sie es nicht hörte, denn ich wusste, dass sie noch ein paar Minuten hinter der Tür lauschen würde. Erst streifte ich den einen dann den anderen Ärmel über meinen nassen Arm, ehe ich die Jacke schließlich vor mir auf dem Boden ausbreitete.

Ich faltete sie sorgfältig wie einen alten Freund. Sofort wurde mir mulmig, und plötzlich schlichen sich ein paar Erinnerungen zurück in meine Gedanken.

Panisch schloss ich meine Augen, umklammerte meinen Brustkorb mit meinen Armen und ließ mich unweigerlich auf die Knie fallen.

War das etwa wirklich alles passiert?

War Nora etwa wirklich tot?

Nein! Das konnte nicht sein.

Doch das Blut auf meiner Jacke deutete daraufhin, also musste es passiert sein.

Als sich nun vor meinen Augen ein Bild von einem bärtigen und muskulösen Mann auftat, öffnete ich sie schnell wieder und stand auf. Erneut strich ich meine Haare am Ansatz zurück und versuchte mich zu beruhigen, denn als der Mann vor meinem geistigen Auge auftauchte, tat er das nicht als Retter in der Not. Nein, er tat es als kaltblütiges Monster, dass drei Menschen getötet hatte.

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