Blood Hunter Band 2 – Kapitel 22

______________________________________

 

 

4 Stunden zuvor…

 

Hannah…

 

Als die Sonne langsam um sechs Uhr morgens aufgeht und Ally und James noch immer nicht zurückgekommen sind, laufe vor der Schiebetür auf und ab. Immer wieder sehe ich hinaus in die Wälder, in der Hoffnung sie kehren zurück, doch es ist weiterhin niemand zu sehen.

Die Trainingseinheiten, die sie seit neustem zusammen absolvieren, verändern die beiden, das konnte ich schon feststellen. Doch was mir größere Sorge bereitet, ist etwas Anderes. Etwas scheinbar viel Kleineres: James Augen haben sich verändert. Auch, wenn er dies selbst nicht wahrhaben will und abwinkt, sobald ich ihn darauf anspreche.

Immer wieder sehe ich auf meine Armbanduhr und massiere meine Nasenwurzel, denn es fällt mir schwer meine Augen weiterhin auf zu halten. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, das letzte Mal eine Nacht richtig durch geschlafen zu haben, dennoch helfe ich gerne, wo ich kann. Immer wieder denke ich an mein Zuhause, an mein Apartment, welches ich nicht vorhabe, für immer zurück zu lassen. Irgendwann würde ich mit James darüber reden müssen, dass mein Leben weitergeht und seines auch, wenn es sein muss – und das ist wahrscheinlicher – getrennt. Dass unsere Leben so unterschiedlich sind, weiß er selbst, doch befürchte ich, dass es ein kleiner Kampf sein wird, dass hier alles hinter mir zu lassen. Ich habe so viel dazu gelernt, seit ich diese wundervollen Menschen kennen gelernt habe, die Zeit will ich nicht missen. Dennoch, jede Zeit geht einmal zu Ende.

Vieles hat sich seit der Abreise von Anna und Will verändert, wenn auch nicht nur zum Positiven. L verlässt das Zimmer am Ende das Ganges nur selten, er scheint Probleme zu haben, von denen die anderen beides nichts wissen. Manchmal spiele ich mit den Gedanken, ihn einfach mal nach seinem Gefühlszustand zu fragen, vielleicht würde er mir erzählen wie es ihm geht, doch die Wahrscheinlichkeit ist eher gering.

Es ist noch nicht so lange her, da habe ich Kriegsopfer behandelt, die sich ähnlich verhielten. Wie auch hier bei jedem einzelnen, sind die Symptome klar.

James hatte mir gesagt, dass er mir nicht sagen kann, was hier los ist, dass er mir aber das nötigste erzählen würde, sodass ich ihnen helfen könnte, sollte es der Fall sein. Ich hatte dies akzeptiert, dennoch merkte ich, dass es ein neues Geheimnis zu geben schien, dass er vor mir zu verheimlichen versucht.

»Wo bleibt ihr denn? «, flüstere ich sehnsüchtig und beschließe schließlich sie zu suchen. Ich weiß, ich sollte es nicht, aber ich kann nicht anders, ich will wissen, was hier los ist.

Langsam schiebe ich die Tür zur Seite und werfe noch mal einen prüfenden Blick zurück, denn so wie ich mich kenne, kommt L gerade zur Tür hinaus, wenn ich mich herausschleichen möchte.

Er ist nicht da.

Ich atme einmal tief aus und trete dann hinaus und renne direkt auf den Wald zu. Mein Herz rast, ich bin nicht dazu erzogen worden unanständig zu sei, dieses kleine Abenteuer, gehört bereits dazu. Ich weiß nicht, was mich erwartet aber was ich weiß ist, dass James nicht gut heißen wird, dass ich hier bin. Jedes Mal, wenn Ally und er zurückkamen, waren ihre Klamotten zerrissen und ihre Körper trugen plötzlich Blessuren, auf dessen Herkunft ich natürlich keine Antwort bekam.

Kratzspuren. Ich dachte mir jedes Mal, dass die Verletzungen nur von einer Raubkatze stammen konnte, doch woher sollten sie diese haben?

Ich erreiche den Wald Anfang, doch bleibe ich vor ihm stehen und atme erst einmal tief ein. Zur Vorsicht sehe ich mich noch einmal um, doch bin ich mir jetzt sicher, dass ich es wirklich tun will. Bevor ich losgehe, ziehe ich meine Stöckelschuhe aus und platziere sie hinter einem Baum.

Ich reibe meine Hände nervös aneinander, schiebe meine Brille erneut hoch, binde meinen Pferdeschwanz neu und schreite dann vorsichtig voran.

Immer weiter und weiter mache ich einen Schritt vor den anderen und achte dabei immer schön auf meine Füße.

»James? «, rufe ich nach einer Weile unsicher in den Wald hinein, doch es klingt eher wie ein flüstern. »Bist du hier? Ich…ich wollte nur sehen, ob es euch…« Plötzlich fliegt ein Vogel hinter mir davon und ich drehe mich hastig nach ihm um. Mein Herz rast, als ich sehe, dass er aus der Baumkrone geflogen ist.

»Mein Gott «, flüstere ich erschrocken. »Hast du mir einen Schrecken eingejagt. « Ich schreite weiter vorsichtig voran.

»Ally? James? «, rufe ich immer wieder, doch es ist kaum hörbar. Ich bin mir plötzlich gar nicht mehr sicher, ob ich die zwei überhaupt noch finden will.

Obwohl die Sonne am Horizont langsam aufgeht, ist der Wald immer noch dunkel, es scheint nur sehr wenig Licht in ihn hinein.

»Wie bin ich nur auf diese dumme Idee gekommen? «, fluche ich und steige vorsichtig über einen Baumstamm. Den einen Fuß setze ich an und will gerade den anderen nachziehen, als ich plötzlich das Gleichgewicht verliere und dann nach vorne überkippe. Mit meinen Händen lande ich dabei im Dreck.

»Shit! « Schnell versuche ich mich wieder aufzurappeln, als ich erneut hinter mir ein Geräusch höre.

Schwer atmend drehe ich mich um. »James? «, rufe ich ängstlich und kann eine dunkle Gestalt hinter mir am Horizont erkenne, doch sie regt sich nicht. »Ally? Wer ist da? «

Keine Regung.

Ich lege meine Hand an meine Stirn, um besser sehen zu können, denn jetzt blendet mich die aufgehende Sonne. Sie strahlt die dunkle Gestalt an, sodass ich sie nicht erkennen kann.

Als diese sich plötzlich langsam in Bewegung setzt, fängt mein Herz an schneller zu schlagen. Wäre es James oder Ally, hätte die Person schon was gesagt, oder würde stehen bleiben, also entscheide ich mich dazu, zu rennen.

Sofort drehe ich mich um und renne los.

»Hilfe! «, brülle ich dabei, so laut ich kann und kann mein eigenes Echo hören, dass von den Bäumen zu mir zurück dringt. Immer wieder sehe ich zurück, während ich so schnell ich renne, wie ich kann, doch die Person verfolgt mich. Nein, sie wird sogar immer schneller. Die Vögel fliegen panisch von ihren Bäumen, als ich sie passieren, ich schrecke sie mit meinem panischen Gebrüll auf, doch ich kann nicht anders als zu schreien.

»James, Ally bitte helft mir! «, keuche ich, während ich erneut zurückblicke und plötzlich gegen eine Wand laufe. Sofort pralle ich von ihr ab, der Schmerz in meinem Gesicht ist unaufhörlich, als ich auf meinen Rücken falle und die Augen schließe. Wimmernd liege ich da, zittere vor Aufregung, als ich meine Augen öffne und mit beiden Händen an meine wahrscheinlich gebrochene Nase. Ich will mich wieder aufraffen und suche am Boden nach meiner Brille, als ich etwas unter meinen Fingern spüre: Einen Schuh. Panisch suche ich jetzt nach meiner Brille und als ich sie endlich finde, setze ich sie mir ungeschickt auf die Nase. Von unten herab sehe ich an einer dunklen Hose auf, bis hin zu einem zerrissenen Pullover. Vor mir steht James in Kampfhaltung, doch leuchten seine Augen Gold, als er plötzlich einen animalischen Laut ausstößt, der mich zittern lässt. Seinen Mund reißt er dabei so weit auf, wie ich es nur von Tieren kenne, die ihrem Gegenüber Angst einjagen wollen.

Ich verschränke panisch meine Arme vor meinem Gesicht und lasse mich zurückfallen, als sich seine Augen schlagartig wieder rot färben und sein Körper sich wieder entspannt.

Er ist wie ausgewechselt. Er steht vor mir, als wäre nichts gewesen.

»Hannah? «, ertönt seine besorgte Stimme. Er hält mir seine Hand entgegen. »Ich hatte dir verboten hier her zu kommen. «

Auch hinter mir erscheint die zweite Person. Es ist Ally. Auch ihre Augen leuchten golden, sie steht dort, wie ein animalisches Tier und fixiert mich mit ihrem Blick.

James hebt seine Hand in ihre Richtung. »Nein! Das reicht! Verwandle dich zurück! «

Sofort wird ihre Atmung schneller, ihre Augen verändern sich sofort, ihr Körper entspannt sich ebenfalls und ihre Klauen – Ja, es sind tatsächlich Klauen – fahren sich wieder ein.

»Was…macht sie …hier? Sie könnte sterben «, keucht Ally. Ihre Stimme klingt belegt.

Tor sieht schnell von ihr zu mir und belegt mich mit einem Blick, dem ich kaum Stand zu halten drohe.

»Dir hätte etwas passieren können. «

Seine Brust hebt und senkt sich schneller, die Schweißperlen rinnen an seinem ganzen Körper herunter. Sein heißer Atem kondensiert die Luft.

»Ich, ich…wollte nach euch sehen, ihr wart noch nicht zurück und ich habe mir Sorgen gemacht «, gestehe ich aufgeregt und versuche aufzustehen. James reicht mir seine Hand und hilft mir auf.

»Wir gehen zurück! «

 

Den Weg zurück zum Haus hatte James mich am Arm sehr unsanft zurückgezogen. Immer wieder hatte ich das Gleichgewicht verloren, schien fast zu Boden zu fallen, doch das schien ihn nicht zu stören. Er half mir immer wieder auf die Füße, doch ließ er mich spüren, dass ich unerwünscht war. Aus irgendeinem Grund schien er wütend auf mich zu sein, denn Sein Griff war so fest an meinem Arm, dass er zu brechen drohte.

Kurzerhand hatte er mich im Krankenzimmer geparkt und mir befohlen, das Zimmer nicht zu verlassen.

Ich schlucke schwer, als er mich mit diesem Blick belegt. »Ist gut «, resigniere ich und setze mich betrübt auf eines der Betten, als hätte ich eine Straftat begangen.

Es dauert nicht lange, da ist er zurück. Sofort reißt er die Tür auf, sodass sie gegen die Wand schlägt. Schnurstracks rennt er auf die Theke zu und nimmt etwas aus dem kleinen Kühlschrank.

Es herrscht eine quälende Ruhe zwischen uns, doch ich traue mich auch nicht, ihn anzusprechen. Seine Körperhaltung hat sich verändert, ich habe Angst, dass er mich anschreit, wenn ich etwas sage. Also sitze ich da und sehe nervös auf meine Hände.

Es dauert eine Weile, da dreht er sich zu mir um. Mit seiner Hand stützt er sich an der Theke ab, er hält ein Glas in der Hand. »Weißt du, wieso ich sauer bin? «

Ich sehe nicht auf. Und ich antworte auch nicht, nur mein Herz rast. Immer wieder muss ich an seine Augen denken. An seine Haltung, die eher einem Tier ähnelte, als einem Menschen.

»Komm her! «

Langsam sehe ich auf, lasse meinen Blick über das Zimmer schweifen, ehe ich ihn schließlich schwer schluckend ansehe. Da ist er wieder, da ist wieder dieser liebevolle Blick, der mich positiv zittern lässt. Aber wie kann er sich nur so schnell verändern?

Langsam stehe ich auf und gehe auf ihn zu. Als ich ihn fast erreiche, streckt er mir seine Hand schon entgegen und ich nehme sie zögernd an. »Ich habe nicht getan, was du wolltest. «

Sein Mundwinkel zuckt. »Nein.«

Er zieht mich an sich und nähert sich mit seiner freien Hand meinem Gesicht, doch nur, um ein paar winzige Blätter aus meinem Haar zu fischen. »Ich bin nicht sauer, weil du nicht getan hast, was ich will «, flüstert er liebevoll. »Ich bin sauer, weil du dich in Gefahr gebracht hast. «

Seine Brauen verengen sich. Es liegt aufrichtige Sorge in seinem Blick. »Ich will nicht, dass dir was zustößt, deshalb wollte ich nicht, dass du in den Wald gehst, wenn ich nicht bei dir bin. «

Erschrocken sehe ich ihn an. »Ich wusste nicht, was dort passiert. « Sofort sind die Erinnerungen wieder da, ich versuche sie zur Seite zu schieben.

Er zieht mich noch näher an sich heran und lässt mich dann los, als ich direkt vor ihm stehe. Rasch hat er sich zur Seite gedreht und hält jetzt zwei kleinere Gläser in der Hand. »Das musst du auch nicht. Ich werde es dir irgendwann erklären. Nimm einen Schluck! «

Verdutzt sehe ich ihn an. »Was ist das? «

Er sieht mir tief in die Augen und setzt dann das eigene Glas an seine Lippen an. Es scheint, als wäre Wasser in dem Glas, doch hat es eine komische, leichte Verfärbung.

»Trink, Hannah! Das ist Wasser! «, versichert er mir, dennoch ist er sehr erpicht darauf, dass ich es tue.

Ohne darüber nachzudenken trinke ich das Glas leer und stelle es dann neben ihm auf der Theke ab.

»So ist gut! «, sagt er fröhlich, als plötzlich die Tür aufschlägt. Es ist L.

»Seid ihr bereit?«

Fragend sehe ich James an, doch dieser dreht mich rasch um und schiebt mich durch den Raum zur Tür hin.

»Bevor du fragst: Wir holen Unterlagen in der Villa. Aber jetzt besorgen wir dir erst mal neue Sachen. «

Ein süffisantes Lächeln um schmiegt seine Lippen, was nichts Gutes bedeuten kann.

 

 

 

 

Gegenwart…

 

Will…

 

Mit meinem rechten Auge luge ich durch das Visier meiner Waffe. Als ich endlich erkennen kann, von wem der Schuss kommt, setze ich zum Gegenangriff an. Mit meinem Zeigefinger ziehe ich den Abzug zurück und lasse einen Schuß los, der aber danebengeht. Der Typ kann ausweichen, weshalb ich fluchend meine Waffe herunternehme.

Ich verlasse mich auf mein Gehör, will ausmachen, wie viele Schützen es sind, als es plötzlich ganz still um mich herum wird. Es ist plötzlich nichts mehr zu hören.

Verwirrt sehe ich mich um, nehme meine Waffe erneut hoch, um durch sie hindurch zu sehen, doch der Schusshagel hat sich verpufft und ich scheine plötzlich allein. »Fuck! «

Ich schmeiße meine Waffe wieder auf den Rücken und krabbele dann wieder am Baumstamm herunter. Als ich unten angekommen bin, knackt plötzlich hinter mir ein Ast, weshalb ich sofort wieder meine Waffe ziehe und mich umdrehe.

»Ich bins «, versichert mir Tor mit erhobenen Händen, während ich auf ihn ziele.

Sofort lasse ich meine Waffe wieder ab. »Tor, verdammt dir geht es gut! « Ich lasse meine Waffe nach hinten schwingen und umarme ihn herzlich.

»Ist…ist Hannah nicht bei dir? «, fragt er verwirrt.

Ich entferne mich wieder von ihm. »Sie ist noch bei Ally. Lass uns zurückgehen, ich will wissen wie es Anna geht. «

Gerade, als ich an ihm vorbeigehen will, hält er mich am Arm fest. »Sie ist nicht bei Ally und Anna ist… naja… Das wird dir nicht gefallen.«

Verdutzt drehe ich mich zu ihm um und winde mich aus seinem Griff. »Was ist mit Anna? «

Sein Blick verdunkelt sich. »Hannah ist nicht bei Ally gewesen, wo soll sie sonst sein? «

Wieso weicht er meiner Frage aus? War das etwa der Grund, wieso das alles hier passiert ist?

Ich lasse meine Brust anschwellen und gehe auf ihn zu, denn er scheint mir nicht antworten zu wollen. »Ich frag dich jetzt zum letzten Mal, Tor. Wo ist Anna? Ist ihr was passiert?«

Er antwortet nicht, atmet jetzt lediglich schwer und versucht in meinen Augen nach einer Antwort zu suchen.

Mein ganzer Körper spannt sich an, mich durchfährt ein unruhiges Gefühl.

Er schenkt mit ein verächtliches Schnauben und verschwindet.

Wütend trete ich gegen den nächsten Baum und fluche laut, ehe ich dann ebenfalls zurück renne.

 

So schnell ich kann renne ich durch den Wald, kann Tor sogar fast einholen, als wir die Stelle erreichen, wo ich Anna abgelegt hatte. Doch sie ist nicht da. Tor taucht ebenfalls vor mir auf, doch ich schiebe ihn zur Seite.

Ally und L hängen über der auf dem Boden liegenden Hannah, und sehen uns schließlich mit erstaunten Gesichtern an.

»Was ist hier los? «, frage ich genervt und lasse meinen Blick über die Umgebung schweifen. »Wo ist Anna? «

L steht mühsam auf, nimmt Hannah auf und trägt sie wie eine Braut, als Ally auf mich zukommt. Ihr Blick ist betrübt, sie hat die Arme beruhigend in die Luft genommen und ringt nach Worten.

»Nein… «, winke ich ab, denn ich kann es bereits in Ihrem Blick sehen. Ich fasse mir an den Kopf, kann nicht glauben, dass ich so dumm war. »Nein, das darf nicht sein! «

Sie kräuselt ihre Lippen. »Tony«, sagt sie lediglich wissend und reißt mich damit in die Hölle.

 

 

 

Ende Kapitel 22

__________________________________________

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s