Blood Hunter Band 2 – Kapitel 12

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Anna…

 

Für einen Moment stehen wir einfach nur da. Als könnte sich Wills Körper nicht entscheiden, sie in den Arm zu nehmen oder sie soweit es geht von sich abzustoßen, wackelt er hin und her. Er würde sie gerne umarmen, doch ich sehe in seinem Blick, dass etwas zwischen den Beiden steht. Seine Augen hat er deshalb weit aufgerissen. Er sieht sie an aber gleichzeitig ist er in Gedanken daran, was sie ihm mit seiner Flucht angetan hat.

Auch ihr Blick zeigt Freude, doch gleichzeitig weiß sie nicht, was sie als nächstes tun soll, um ihn nicht zu verärgern. Sie schluckt ein paar Mal schwer, wackelt ebenso mit ihrem Körper, ist bereit ihn einfach in den Arm zu nehmen, doch die unsichtbare Mauer scheint beide daran zu hindern. Die Sehnsucht ist ihr ins Gesicht geschrieben, dennoch kennt sie ihren Sohn, sie will, dass er den ersten Schritt macht.

Die Spannung ist im ganzen Raum spürbar, während er mit einem Arm über mir hängt und mit der anderen Hand das Handtuch immer noch auf seine Mitte drückt.

Als wir uns plötzlich ein klein wenig nach vorne bewegen, keucht Will kurz auf und sieht ihr in die Augen. Auch sie macht einen erleichterten Schritt nach vorn, es dauert nicht mehr lange und sieh treffen sich, was mich ziemlich überrascht.

Will versucht einen weiteren Schritt nach vorn zu machen und ich helfe ihm dabei, sehe ihn mit jedem neuen Schritt an und als sie fast vor ihm steht, will er stehen bleiben. Er zieht seinen Arm ein wenig zurück, sodass ich ihn loslasse und einen Schritt zur Seite mache, denn augenscheinlich will er das alleine klären. Sofort wird ihr Blick weicher, sie presst die Lippen vor Freude zusammen, ist froh, dass sie ihn wiedersieht. Die wahnsinnig große Liebe einer Mutter sprüht plötzlich durch den ganzen Raum, die Mauer scheint endlich verschwunden, als sie ihm liebevoll ihren Arm entgegenstreckt, um ihre Hand sehnsüchtig auf seine Wange zu legen, als Will ebenfalls seine Hand in die Höhe nimmt und sein Blick sich plötzlich von Ausdruckslos und unsicher in grausam verwandelt. Jedes Lächeln, jeder Zweifel ist schlagartig aus seinem Gesicht verstrichen, bevor er ihre Hand plötzlich unsanft zur Seite schlägt und ein paar Schritte nach vorne macht, um dann mit einer unsagbaren Eiseskälte an ihr vorbei zu gehen. Hinter ihr bleibt er stehen und erwartet mich dann. Er dreht sich nicht um, doch ich kann spüren, dass er gerade einen Schlussstrich hinter die Situation gezogen hat.

Sofort verzieht sie ihre Miene, als ihr Arm zur Seite geschlagen wird. Jedes Lächeln, jede Sehnsucht ist im Keim erloschen. Erschrocken steht sie da, schließt für einen Moment die Augen, als hätte sie eine andere Reaktion erwartet, starrt nach vorn und kann wahrscheinlich nicht begreifen, was da gerade passiert ist.

Ich sehe sie entsetzt an, bin hin und her gerissen, mich für ihn zu entschuldigen, doch das kann ich nicht tun. Sie hat ebenfalls, wie meine Mutter, ihr Kind verlassen und hofft jetzt, dass es sie nach all den Jahren wieder liebevoll in die Arme nimmt. Die Enttäuschung ist ihr ins Gesicht geschrieben. Sie dreht sich ein wenig zu mir um, mustert mich plötzlich, weil sie meine angespannte Haltung sieht und scheint dann schnell zu begreifen. »Geh schon, er wartet! «, flüstert sie wissend. Es schwingt Trauer mit in ihrer Stimme, doch versucht sie sich nichts anmerken zu lassen. Ich nicke ihr kurz zu und setze mich dann in Bewegung. Kurzerhand schiebe ich Wills Arm wieder über meine Schulter und stütze ihn dann, während wir auf die große Treppe zu gehen, als ihre Stimme dann doch ertönt.

»Solange dein Vater nicht da ist, bist du der König dieses Clans, William. Ich hoffe, du bist dir dessen bewusst «, sagt sie im ermahnenden Ton und sofort bleibt Will stehen. Ich kann spüren, wie sich sein Körper erneut anspannt, doch ich versuche ihn weiter zu ziehen. Er lässt mich erneut los und macht dann eine kleine Drehung zu ihr herüber.

»Du musst mir nicht sagen, was ich zu tun habe, denn ich nehme meine Aufgabe Ernst. Nicht so wie du, die ihren Clan im Stich gelassen hat. Du wagst es, nach all den Jahren hier aufzukreuzen und mir zu sagen, wie ich mich zu verhalten habe? «, brüllt er jetzt. »Du bist das aller letzte! «

Sie starrt ihn für einen Moment wütend an, ehe sie spricht. »Das hier ist auch mein Clan und ich kann verstehen, dass du ein wenig überfordert bist aber ich bin jetzt da und ich werde dafür sorgen, dass die Traditionen nicht gebrochen werden. «

Als ihn ihre Worte erreichen, lässt er mich plötzlich los, knüllt das Handtuch zusammen und wirft es dann wütend in die Ecke. »Ich bin überfordert? Ich? «, brüllt er sie an. »Das hier ist längst nicht mehr dein Clan, Meredith! Als du gegangen bist, bist du Clan los geworden, du hast uns verraten und ich werde dir das nie verzeihen! « Er ist plötzlich so sauer, dass seine Atmung schwerer wird und sich seine Nasenlöcher aufblähen, während sein Blick nun zu Hass umschlägt. »Ich will, dass du aus meinem Leben verschwindest! Ich schaffe das auch ohne dich! «

Mit diesen Worten dreht er sich um und lässt sie dann stehen. Schmerzvoll versucht er einen Schritt vor den anderen zu machen, will die Treppe alleine hochlaufen und ich lasse ihn. Ich kann nur zu gut verstehe, was er empfindet. Dass er bis aufs letzte verletzt ist, ihr dennoch zeigen will, dass er es ohne sie schafft. Auch ich werde plötzlich wütend auf sie und schenke ihr einen wütenden Blick, bevor ich mich dann ebenfalls die Treppe hinaufbegebe.

Als ich oben angekommen bin, ertönt ihre Stimme erneut. »Du weißt, dass er für nichts und niemanden was empfindet oder? «

Ich drehe mich langsam zu ihr um. »Wie bitte? «

Sie rollt mit den Augen und verschränkt die Arme vor der Brust. »Er hat es noch nie mit Jemandem ernst gemeint und er wird jetzt bei dir nicht damit anfangen. Merk dir einfach meine Worte! Ein König hat viele Frauen.«

Ich sehe sie ausdruckslos an, doch würdige ich ihr keine Antwort, doch am liebsten würde ich sie anbrüllen, was für eine schlechte Mutter sie ist. Dass sie ihren Sohn hat im Stich gelassen, ist Grund genug für mich sie einfach zu ignorieren. Außerdem kennt sie mich überhaupt nicht und ihren Sohn wahrscheinlich auch nicht. Sie weiß nicht, was wir durchgemacht haben, was uns zusammen geschweißt hat und was uns letztendlich zu dem gemacht hat, was wir beide sind.

Meine Finger kribbeln, ich will ihr so viel sagen, doch ich schlucke es runter. Zögernd drehe ich mich um, entscheide mich dafür es nicht zu tun, denn dann hätte sie gewonnen. Sie will mich aus der Reserve locken, weil sie an ihren Sohn nicht herankommt.

Ich schließe für einen Moment die Augen und drehe mich dann um, um die Tür zu öffnen.

Als ich herein trete bin ich immer noch sauer, doch ich will es abschütteln, solange es Will noch nicht besser geht.

Sofort kommt eine Frau mit schwarzen zusammen geflochtenen Haaren auf mich zu und sieht mich freundlich an. An ihr scheint nichts Unfreundlich zu sein, was mich plötzlich verunsichert.

»Hey Anna, ich bin Teri. Tut dir irgendwo was weh? «

Sie streckt mir ihre Hand entgegen, sie trägt genau den gleichen Kitteln, den Ally sonst immer trägt.

Ich sehe sie betrübt an. »Nein, nein mir fehlt nichts. «

Doch sie merkt sofort, dass es etwas nicht stimmt. »Was ist los? «

»Ich «, ich halte kurz inne, » es ist nichts nur, vermisse ich gerade eine Freundin «, winke ich ab und versuche es herunter zu spielen. Betrübt reibe ich meine Finger aneinander. Was sie wohl gerade macht?

»Nagut, wenn du etwas brauchst, dann melde dich bei mir. William liegt da vorne. « Sie dreht sich ein wenig zur Seite und gibt mir dann die Sicht auf eine riesige Krankenstation frei. Die Ausstattung und der Stil, ist der selbe, nur scheint es, man hätte das Haus in der Länge und in der Breite auseinandergezogen, denn dieses Haus ist mindestens zehn Mal so groß, wie das Versteck in dem wir uns aufhalten.

»Wow «, flüstere ich, während ich mich umsehe. Langsam gehe ich auf das Bett zu, in dem Will liegt. Es haben sich bereits ein paar Frauen mit ebenfalls weißen Kitteln um ihn versammelt und verarzten ihn gerade, doch er lugt zwischen ihnen zu mir hindurch.

Als ich das sehe, muss ich lächeln.

Rasch gehe ich auf ihn zu und als er seine Hand hebt, ziehen die Damen sich plötzlich ein Stück zurück. Sie stoppen, die Untersuchung auf seinen Wunsch und warten auf eine Anweisung.

»Amanda, führe Anna doch bitte in mein Zimmer «, sagt er erschöpft und lässt mich dabei nicht aus den Augen.

Sofort setzt sich das Mädchen links von ihm in Bewegung. »Ja, mein König. «

Als sie auf mich zu kommt, schenkt sie mir ein knappes Lächeln und drückt mich dann am Arm wieder zur Tür zurück. Sie ist nicht unsanft, doch trotzdem ist ihre Haltung bestimmend. Während sie mich durch die Tür schiebt, werfe ich noch einen Blick zurück: Will hat die Augen geschlossen und lässt nun über sich ergehen, was die Mädchen für richtig erachten.

Ich setze zu einem ersten Schritt auf der Treppe an, als ich hochsehe und ich mich plötzlich erschrecke.

Es hat sich, am unteren Rand der Treppe, plötzlich eine Traube aus Frauen gebildet, die aufgeregt anfangen zu tuscheln, als sie mich sehen. Sie halten es nicht mal für nötig sich verstohlen weg zu drehen, nein, sie mustert mich von oben bis unten und urteilen sofort über mich. Ich lasse meinen Blick über die Horde schweifen, die völlig außer Rand und Band zu sein scheinen.

Einige von ihnen erkenne ich wieder, doch das letzte Mal, dass ich sie sah, trugen sie schöner Kleider wegen des Maskenballs. Jetzt hat sich ihr Stil komplett verändert: es schmiegen sich schwarze enge Tops und enge Lack Hosen an ihre Körper. Ihre Haare tragen sie so, wie Ally sie gerne trägt: Offen aber geflochtene, mit einzelnen Perlen versehende Strähnen zu einem Ganzen verbunden und dann nach hinten fixiert. Sie scheinen kampfbereit, was auch immer passiert.

Während sie weiter kichern und mich mit ihren Blicken förmlich ausziehen, wird mir unwohl. Ich schlinge die Arme um meine Brust und folge dem Mädchen mit dem weißen Kittel die Treppe herunter, wo die neugierigen Frauen bereits auf mich warten. Ich mache den letzten Schritt der Treppe hinab und überlege mir, wie ich aus dieser unangenehmen Situation herauskomme, als sie sich plötzlich von alleine klärt: Sie bilden eine Schlange für mich. Sofort ist das Tuscheln verstummt und sie schenken mir einen ehrfürchtigen Blick, was mich plötzlich noch mehr verwirrt.

Was hat das nur zu bedeuten?

»Das ist sie «, ertönt eine leise Stimme hinter mir. Langsam drehe ich mich zu ihr um.

»Sie hat unseren König gerettet, aus dem brennenden Haus «, ertönt es von der anderen Seite.

Schlagartig wird es mir klar, was hier los ist: Sie haben nur Gerüchte gehört, doch die Clan Mitglieder habe ich bisher persönlich noch gar nicht kennen gelernt, sie sind sicher nur neugierig, doch spüre ich, dass ich der Situation gerade nicht gewachsen bin, dass mein Körper ruhe braucht. Ich beschließe also, das Ganze auf ein anderes Mal zu verschieben und folge dem Mädchen aus der Traube heraus nach rechts.

Auch hier befinden sich, wie in unserem Versteck die Zimmer, doch sind es einige unzählige mehr, die den ganzen weiten Flur entlang reichen.

Ich zähle etwa hundert Stück, ehe wir das letzte erreiche und das Mädchen dann endlich stehen bleibt. Sie legt ihre Hand auf den Tür Knauf und macht sie auf.

»Hier ist es, bitte sehr «, sagt sie mit einem aufgesetzten Lächeln und heißt mich im Zimmer willkommen.

»Danke «, sage ich knapp und trete ein. Sofort verlässt sie das Zimmer und schließt die Tür hinter sich.

Verwirrt sehe ich der zuschnappenden Tür zu, wie sie ins Schloss fällt und bin erleichtert, dass ich jetzt alleine bin. Allein heißt ohne die Leute aus diesem Clan, die mich anstarren, als wäre ich ein Monster.

Ich reibe mir meine Arme auf beiden Seiten, ehe ich auf das große Bett zu gehe und mich dann auf die Kante setze. Auch hier sehe ich mich erst einmal um, kann keinen Unterschied zu einem anderen Zimmer feststellen, als es plötzlich an der Tür klopft.

Erschrocken sehe ich auf die Tür und erwarte, dass sie aufgeht, doch das tut sie nicht.

»Herein? «, rufe ich unsicher, doch sie öffnet sich trotzdem nicht. Rasch springe ich auf und öffne sie dann.

»Hallo? «, frage ich, als ich sehe wer es ist. Meredith.

»Was wollen sie? «, frage ich genervt, als sie plötzlich eintritt und an mir vorbeigeht. Sie wirft einen Stapel Klamotten auf das Bett und dreht sich dann zu mir um.

»Wer bist du? «

Sofort versetzt es mir einen Schlag in die Magengrube. »Wer ich…bin? «, flüstere ich aufgebracht und werde ganz nervös, weil sie mich druchdringlich ansieht.

Bevor sie spricht, mustert sie mich noch einmal von oben bis unten. »Ich habe das Gefühl, dich schon mal gesehen zu haben«, sofort werden ihre Augen zu schlitzen, »Ich habe schon viel von der legendären Anna gehört und war erfreut, dass ich sie bald kennen lernen darf. «

»Von der legendären Anna? «, frage ich irritiert und bin mir nicht sicher wie sie das meint, denn in ihrer Stimme klingt Sarkasmus mit.

Sie macht einen weiteren Schritt auf mich zu. »Du weißt es wirklich nicht oder? «

Ich verschränke ebenfalls meine Arme vor der Brust. »Sagen sie‘s schon! «

Sie lächelt wissen und sieht erneut an mir herab. »Ich könnte schwören, dass ich dich kenne! «

Nervös tippe ich auf meinem Arm herum. »Ich war auf dem Maskenball, vielleicht haben sie mich da gesehen. «

Sie sieht auf die Klamotten, die sie mir aufs Bett geworfen hat. »Wenn du hier nicht auffallen willst, zieh normale Kleidung an und wenn du fertig bist, lass dir von einer der Mädchen die Haare vernünftig machen! «, sind ihre knappen Worte, ehe sie an mir vorbeigeht, bis hin zur Tür. Dort angekommen, legt sie ihre Hand auf den Knauf, zieht sie auf und dreht sich dann noch einmal mit einem frechen Grinsen zu mir um. »Ich find schon raus, woher du kommst, denn dein Gesicht kommt mir sehr bekannt vor. «

Ich versuche mir nicht anmerken zu lassen, dass ich am liebsten schreien würde. Wenn sie herausfindet, woher ich komme oder wer meine Mutter ist, gibt es Mord und Totschlag. Das muss ich verhindern.

»Ich habe nichts zu verheimlichen «, lüge ich.

Sie macht die Tür auf, tritt heraus, doch ehe sie die Tür schließt steckt sie noch mal ihren Kopf herein.

»Wir werden noch sehen, was du zu verheimlichen hast! « Die Tür fällt ins Schloss und ich sinke daraufhin erschöpft zu Boden.

Ich schließe die Augen und fahre mir mit meinen Händen durch die Haare. Was ist, wenn sie mich auffliegen lässt?

Wenn ich mir ausmale, was passieren würde: Will ist jetzt König seines Clans, doch kann ich mit ihm überhaupt noch zusammen sein, wenn herauskommt, dass ich die Tochter von Viktoria Dent bin?

Es klopft erneut an der Tür und schnell wiche ich mir die Tränen mit meinen Ärmeln vom Gesicht.

»Einen Moment bitte! «, wimmere ich und stehe dann auf. Noch bevor ich die Hand auf den Knauf legen kann, geht die Tür auf und ich halte für einen Moment die Luft an, denn ich rechne mit dem schlimmsten.

»Anna, was ist los? «, flüstert will liebevoll, als er mich sieht.

»Will «, wimmere. Er öffnet sofort seine Arme und umarmt mich sehnsüchtig. Während ich meine Arme vorsichtig um seine Mitte lege, drückt er meinen Kopf fest an seine Brust.

»Was ist los, Baby? «, fragt er erneut, doch ich kann nicht sprechen, zu groß ist die Angst, dass mich meine Vergangenheit erneut einholt und mir sogleich meine Zukunft zerstört.

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