Blood Hunter Kapitel 56

Anna…

 

Erschrocken lasse ich die Tür los und sie fällt daraufhin klirrend hinter mir ins Schloss. Sofort drehen sich alle anwesenden Köpfe zu mir um, inklusive Wills. Er trägt eine Sauerstoffmaske und ist zusätzlich durch eine Nadel am Arm mit Blut versorgt.

Das ist er also, das ist der Moment, indem ich alles verlieren werde.

Nach Worten ringen stehe ich da, wärend sein Blick qualvoll meine Nähe sucht. Er versucht sich ein wenig aufzusetzen, weil ich nicht auf ihn reagiere, doch Tor hält ihn am Arm fest, um ihm zu zeigen, dass es dafür noch zu früh ist. Erwartungsvoll sieht er mich an, hofft, dass ich zu ihm herüberkomme. Seine Maske ist inzwischen, vom zu schnellen Atmen, beschlagen und er der Schweiß rinnt an seiner Stirn herunter. Die Ärztin überprüft noch mal genau seine Werte, bevor sie Tor daraufhin fragend ansieht. Zur Vorsicht wiederholt sie alles noch einmal, um wirklich sicher zu gehen.

»Höchst interessant «, nuschelt sie aufgeregt vor sich hin und notiert alles, was sie erfahren hat, so schnell sie kann, auf ihrem Klemmbrett. Wärend sie schreibt, merkt sie nicht, dass sie ihre Zunge angestrengt herausstreckt.

»Wahnsinn! Das ist Wahnsinn «, wiederholt sie immer wieder und strahlt dabei übers ganze Gesicht und kann nicht damit aufhören, alles zu notieren.

»Anna, willst du nicht herkommen? «, fragt Tor mich genervt, doch sieht er mich dabei nicht an.

Ich schaue kurz zwischen den beiden hin und her, schlucke dann einmal schwer, doch setze ich mich dann schließlich doch in Bewegung. Langsam mache ich einen Schritt vor den anderen, will mir seine weichen, sehnsüchtig erwartenden Gesichtszüge in meinem Kopf einprägen, sodass ich sie, wenn er mich verlassen hat, jederzeit in meinem Kopf abrufen kann. Je näher ich komme, desto weiter streckt er mir seine Hand entgegen, bis ich sie schließlich entgegennehme. Mit mehr Kraft als gedacht, zieht er mich ein Stück an sich heran.

»Wir…sollten die beiden allein lassen, denke ich «, flüstert die Ärztin verständnisvoll und zeigt auf die Tür. Tor versteht den Wink sofort und folgt ihr hinaus.

Für einen Moment, sieht er mich einfach nur an. Sie Blick sucht meinen Körper nach Blessuren ab, doch da muss er nicht lange suchen. Weil er versucht, sich etwas aufzusetzen, setze ich mich schnell neben ihn. »Ist schon gut, bleib so. «

Vorsichtig greift er an seine Maske und zieht sie mit, noch schwacher Hand, ein Stück herunter. Er atmet noch einmal tief ein, bevor er spricht. »War sie das? « Er drückt meine Hand ganz fest.

Er meint mein deformiertes Gesicht und mein pfeilchen, dass sich bisher noch nicht gebessert hat. Sollte ich ihm wirklich erzählen, was passiert ist? Ich wusste ja, dass er neugierig sein wird.

»Ist schon ok, mir geht es gut. Die Ärztin flickt mich gerade wieder zusammen «, winke ich ab und zwinge mich, dabei zu lächeln. Wärend ich dies tue, schaut er mich eindringlich an und ich habe plötzlich das Gefühl, dass er mich durchschaut. »Und wie geht es dir? «, frage ich, um ihn auf andere Gedanken zu bringen.

Seine Lippen sind blass, seine Haare kleben an seiner Stirn und sein Körper ist ausgelaugt. Seine Muskeln haben sich sogar ein wenig zurückgezogen. »Was ist passiert? «

»Sie hat dich ebenfalls vergiftet «, flüstere ich betrübt und sehe auf seine Hand, die meine feste umschlingt. Wie lange er das wohl noch mit Liebe tut? »L und Ally sind noch nicht wach aber das werden sie bald. «

Er lässt seinen Blick schließlich über das Zimmer schweifen, meine Antworten haben ihn wohl überzeugt.

»Du hast uns gerettet. Schon wieder. « Ich kann plötzlich ein kleines Lächeln auf seinen Lippen sehen.

»Na und? «, frage ich neckisch, »ist dein Stolz dadurch jetzt verletzt? «

Er gibt mir keine Antwort, er lächelt lediglich durchtrieben. Ich greife nach seiner Maske und drücke sie ihm wieder aufs Gesicht. »Ruh dich jetzt aus! Wir reden später!«

Schnell erhebe ich mich von der Bettkannte und drücke ihm zum Abschied einen intensiven Kuss auf die Stirn. Er will mich noch zu sich zurückziehen, doch ich weiche ihm gekonnt aus und verlasse schließlich, ohne ein weiteres Wort, die Krankenstation.

 

Ich ziehe die Tür hinter mir zu, als Tor die Treppe hinauf marschiert, er hat wohl schon auf mich gewartet. Ich versuche mich, auf etwa der Hälfte der Treppe, an ihm vorbei zu drücken, doch er packt mich plötzlich am Arm und hält mich damit an. Genervt drehe ich mich zu ihm um, blähe meine Nasenlöcher schon mal vorsorglich auf. »Was? «, presse ich entnervt durch die Zähne.

Er sagt nichts, sucht lediglich meinen Blickkontakt, doch so leicht, mache ich es ihm nicht. Ich habe jetzt keine Lust mehr darüber zu reden, will meine Gedanken endlich abstellen. Wütend reiße ich schließlich meinen Arm los und drücke mich dann zwischen ihm und dem Treppengeländer hindurch. Als ich unten auf der letzten Stufe ankomme, ruft er mir nach. »Gehst du mir jetzt aus dem Weg? «

Ich bleibe kurz stehen, überlege, ob er eine Antwort bekommt, doch ich entscheide mich dagegen. Ich setze mich wieder in Bewegung Richtung Tür.  Als ich sie erreiche, kommt mir die Ärztin entgegen, versucht einen Satz anzusetzen, um mich anzuhalten, doch ich mache ihr sofort, mit einer Handbewegung klar, dass sie mich nicht ansprechen soll und renne an ihr vorbei zum Auto.

»Du kannst immer mit mir reden, Anna! Hörst du? Wir machen uns alle nur Sorgen! «, ruft sie mir hinterher, bevor ich den Van erreiche. Wenn ich fahre, denke ich nicht so viel nach also setze ich mich hinters Steuer und fahre einfach los. Wohin ich fahre, weiß ich nicht aber was ich weiß ist, dass ich von hier wegmuss.

 

 

 

Hannah…

 

Ich sehe dem Mädchen noch nach, wie sie das Grundstück verlässt und drehe mich dann um. Was auch immer sie durchmacht, sie will es wohl allein tun. Ich trete wieder durch die große Eingangstür, indem ich sie aufschiebe, als James plötzlich vor mir steht. Erschrocken, trete ich einen Schritt zurück.

»Entschuldige, ich habe dich nicht gesehen. «

Er geht ein Stück zur Seite, sodass ich eintreten kann und schließt dann hinter mir die Tür. Nervös trete ich von einem Fuß auf den andere.

»Was ist los? «, fragt er.

»Ich… also ich habe mich gefragt, naja also…«

Verwirrt sieht er mich an. »Warum bist du nur so schüchtern? «, fragt er plötzlich mit einer unglaublichen Härter und ich weiß gerade nicht, ob das positiv oder negativ gemeint ist.

»Wie bitte? «, entgegne ich verwirrt.

Sofort wird sein Blick wieder weicher. Wärend er mich anstarrt, ist er dennoch in seinen eigenen Gedanken versunken.

»Naja, das ist nicht unbedingt meine Stärke «, sagt er unbeholfen und fährt sich mit den Fingern durch seine Haare.

Dieser Mann kommt tatsächlich mit etwas nicht zurecht? Kaum zu glauben.

»Ja also, ich wollte fragen, wann es denn etwas zu essen gibt. « Wie auf Knopfdruck, knurrt mein Magen plötzlich so laut, dass ich die Augen vor Scham aufreiße. Er sieht an mir herab und ich habe schlagartig das Gefühl nackt zu sein, also bedecke ich mit meinen Händen die offensichtlich kritischen Stellen, als könnte ich es so ungeschehen machen.

»Also… «, setzt er sichtlich verwirrt an und sieht sich dann im Raum verlegen um. »Wenn du willst, können wir schnell etwas zusammen holen. «

Ich presse die Lippen zusammen, weil mich nun mehr eine Frage quält. »Isst du denn dann… also esse ich dann technisch gesehen alleine oder…? «

Er scheint nicht auf die Frage vorbereitet zu sein. Er muss erst einmal darüber nachdenken. »Also wenn man es so sieht, ja. «

»Das ist besser als nichts, denn ehrlich gesagt, habe ich großen Hunger. Ich hatte weder einen Kaffee noch was zu essen, seit ich hier bin. « Er scheint auch darüber nachzudenken, hatte das wohl nicht bedacht. Wenn sich bewahrheitet, was ich denke, was ich bereits herausgefunden habe, dann werde ich bald eine große angesagte Ärztin landesweit sein, das steht schon mal fest.

»Dann ziehe ich mich mal um aber wir sollten uns wirklich beeilen, ich will da sein, wenn Ally oder L aufwachen, ok? «

»Mach das, ich kenne eine kleine Bäckerei ganz hier in der Nähe «, sage ich freundlich. »Ich warte dann hier.«

Ich setze mich auf einen der schönen Sessel und warte darauf, dass er wiederkommt.

 

 

 

 

 

Anna…

 

 

Eine Weile fahre ich bereits durch die Straßen dieser Stadt und halte mich an die Verkehrsregeln, doch bin ich nicht gedanklich anwesend, so wie es sich eigentlich gehören würde. Immer wieder versuche ich Adams aufkommenden Erinnerungen von mir ab zu schütteln, doch diese eine, wie er vor dem Spiegeln steht, ist penetrant und nervend.

In Dauerschleife leuchtet sie, wie ein großes blinkendes Plakat bei Nacht, in meinem Kopf auf.

Als das vordere Auto plötzlich bei Gelb vor mir in die Eisen geht, kann ich gerade noch anhalten. Wütend drücke ich auf die Hupe. »Du Arschloch! Was soll das? «

Der Mann vor mir wedelt wild mit seinen Händen vor sich her und schreit mich durch den Rückspiegel an. Ich würde jetzt nur zu gerne aussteigen und ihm die Kehle aufschlitzen. Es wäre jetzt so einfach, es einfach zu tun und es drauf ankommen zu lassen, in diesem Ort aufzufliegen, doch das kann ich nicht.

Immer wieder denke ich darüber nach, ob es wirklich sein kann, dass diese Frau, Viktoria Dent meine Mutter ist. Dass sie den gleichen Namen trägt, wie die Frau, die mich nach meiner Geburt verlassen hat, kann auch ein großer Zufall sein, doch wäre das ein wirklich großer. Nervös tippe ich mit meinen Zeigefingern auf dem Lenkrad herum. Mir kommt schon länger ein Gedanke, doch müsste ich, um es heraus zu finden, eine Weile fahren.

Immer wieder gehe ich im Kopf die einzelnen Möglichkeiten durch, was dafürspricht und was nicht. Wie sie mich ansah, das alles spricht dafür, doch wieso hat sie mich dann nicht getötet? Ich war geschwächt und wenn sie das Moment der Überraschung genutzt hätte, dann hätte sie mich problemlos auslöschen können. Und nicht nur mich: Wir alle wurden ihr auf dem Silbertablett, fertig für den Verzehr geschnitten, serviert. Sie hätte nur noch zugreifen müssen.

»Ahhhhhh! «, brülle ich so laut ich kann der Windschutzscheibe entgegen, weil ich keine Antworten auf meine Fragen bekomme. Als ich das Ende der Stadt erreiche, fahre ich schließlich an dem Schild für die Autobahnauffahrt vorbei und sehe ihm nach, wärend ich es passiere. Es gibt nur eine Person, die mir wirklich sagen kann, was hier läuft. Nur diese eine Person, kann mir jetzt noch sagen wer ich bin und was die Wahrheit ist.

Ich weiß, dass ich sie herausfinden muss, sonst halte ich nicht mehr lange durch. Ich muss einfach wissen, ob ich wirklich das bin, was ich zu glauben scheine: Eine Dent.

Mit einer Hand fahre ich mir durchs Gesicht und streiche nachdenklich meine Haare zurück.

»Es gibt nur diesen einen Weg «, flüstere ich aufgeregt.

Ich fahre eine weitere Runde durch die Stadt und habe mich schließlich entschieden. Es gibt nur diese eine Person und die muss ich aufsuchen. Ich muss jetzt erst einmal an mich denken, kann keine Rücksicht auf die anderen nehmen. Sie schaffen es auch ohne mich, dessen bin ich mir sicher.

Ich passiere das Schild erneut und drücke dann das Gaspedal voll durch. Ich fahre auf die Autobahn auf und werde erst einmal eine Weile fahren müssen, doch geht es an einen sehr speziellen Ort. Es geht: nach Hause.

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