Blood Hunter Kapitel 53

Anna…

 

Ganz langsam und mit Bedacht stehe ich auf. Erst mit dem einen Bein, dann mit dem anderen. Meine Arme werden langsam vom Wind in die Höhe getragen, bis ich sie schließlich darin fliegen lasse. Der Wind hat zugenommen, doch stört er mich nicht, nein ich finde es toll, an diesem Ort zu sein. Hier, allein und vor allem: Mit mir selbst. Der Wind bläst mir ins Gesicht, so, dass meine Klamotten eng an mir nach hinten Fliegen. Erst ganz leicht und dann zunehmend fester. Langsam schließe ich meine Augen, atme einmal kräftig durch, spüre die kalte Luft in meinen Lungen und spreizte dann meine Finger. Der Wind geht durch sie hindurch, umschlingt sie und es fühlt sich toll an. Es fühlt sich an, als würde ich fliegen. Ich kann den Wind überall auf meinem Körper spüren und ich werfe meinen Kopf dann langsam in den Nacken. Ich fühle mich leicht und unbeschwert, kann meine Gedanken endlich aus meinem Kopf aussperren, lausche nur dem Wind, der durch die Bäume fegt. Ich denke an nichts, fühle mich frei. Ich atme erneut ein und fühle mich plötzlich, als könnte ich die ganze Welt beherrschen. »Wuhuuuuuu «, brülle ich so laut ich kann und lege so viel Intensität in meinen Schrei, dass es mir am ganzen Körper kribbelt. Mein Gebrüll hallt noch im ganzen Tal nach. »Ich bin die Königin der Welt! «

Die Vögel, die vorher um mich herum in den Bäumen saßen, fliegen jetzt davon, man könnte beinah meinen, sie umkreisen mich jetzt, denn sie fliegen über mir hin und her. Ich öffne meine Augen schließlich und schaue ihnen beim Fliegen zu. Fast könnte man meinen, sie tanzen. Es muss unfassbar schön sein, fliegen zu können. Langsam lasse ich meine Arme herabsinken, spüre aber immer noch die Intensität des Windes auf meiner Haut als ich plötzlich etwas tue, was ich bereits seit langem nicht mehr getan habe: ich lächle.

 

 

 

 

Hannah…

 

Ich blicke an einem Vorhang aus dem Krankenzimmer vorbei, doch tue ich es so, dass ich nicht gesehen werde. Ich habe Sicht auf das Mädchen, dass mich hergeholt hat. Sie fühlt sich sichtlich gut, sie steht oben an einem Abhang und lässt sich vom Wind tragen. Sie wirkt glücklich, obwohl ihre Freunde im Sterben liegen. Ob ich sie retten kann, weiß ich noch nicht, doch das werde ich erst einmal nicht sagen. Ich glaube, dass dieses Mädchen eine sehr schwere Zeit durchgemacht hat, denn an dem letzten Mal, dass ich sie sah, hatte sie noch diesen schönen, jugendlichen, leichtsinnigen Blick. Irgendwas an ihr hat sich verändert und ich möchte nicht wissen, wer oder was das an ihr ausgelöst hat. Ich hatte vorher schon in meiner Funktion als Therapeutin, Patienten, die Kriege und Ähnliches erlebt hatten, die das geschehene besser verarbeitet hatten als dieses Mädchen es tut. Ich glaube, dass sie bisher schlichtweg nicht die Zeit dazu hatte. Als das Mädchen mit ihrer Truppe das erste Mal bei mir aufschlug, wusste ich, dass sie nicht normal sind. Was sie waren, wusste ich nicht, doch wusste ich, dass ich es herausfinden werde. Sie waren allesamt übersät mit Narben und Kampfspuren.

Als sie schließlich lächelt, kann auch ich mir eines nicht verkneife. Ihre langen blonden Haare wehen im Wind und die Vögel, die noch eben in ihren Bäumen saßen umfliegen sie, als wäre sie eine von ihnen.

Schnell trete ich vom Fenster zurück und gehe nach links zu dem Mädchen, dessen Name Ally ist. Für sie sehe ich wenig Hoffnung, denn sie trägt das Gift angeblich schon länger im Körper als die anderen. Ihr Blick ist leer, wie bei einem toten, was bei den anderen Mitgliedern noch nicht so stark der Fall ist.

Ich gehe zum nächsten Bett, das des großen wütenden Mannes. Auch er hat sich verändert. Woran ich das ausmache? Ich habe in meiner Laufbahn vieles gesehen und kann auch Veränderungen an der Körpersprache feststellen. Ich trete näher an ihn heran und öffne dann sein linkes Augenlied.

»Seine Pupillen sind rot «, stelle ich aufgeregt fest und leuchte mit einer Lampe hinein. Dieses Krankenzimmer ist erstaunlich gut eingerichtet. Selten habe ich so moderne Instrumente gesehen, wie hier. Ich schaue mich erst einmal prüfend um, bevor ich schließlich meine Hände in die Höhe nehme und seinen Kiefer damit umschlinge. Mit meinen Daumen schiebe ich seine Lippe ein Stück nach oben, als ich plötzlich zurückschrecke. Ich lasse ihn los und weiche ein paar Meter zurück. »Shit «, flüstere ich erschrocken und trete zurück.

»Was läuft denn hier für eine Scheiße? «, flüstere ich so leise es geht, doch lieber wäre es mir zu schreien.

Langsam nähere ich mich ihm wieder, sehe ihn stutzig an. »Wenn… «

Schnell drehe ich mich zu dem Mädchen um und schiebe auch ihre Lippe nach oben. »Oh mein Gott «, flüstere ich und halte mir klagend meine Hand an den Kopf. Ich kann nicht fassen, dass diese Menschen Fangzähne haben. Als das EKG des Mannes ganz rechts plötzlich anfängt zu piepsen, reiße ich mich zusammen und renne schnell zu ihm. Rasch hole ich meine Lampe erneut aus der Tasche und leuchte ihm damit in die Augen. Sie verändern sich plötzlich. Ich hänge mich über ihn herüber, um die Dosis Schmerzmittel in seinem Arm zu erhöhen, als er sich plötzlich erhebt.

»Ahhhhhhhh «, brülle ich panisch, als dieser plötzlich aufspringt und alles mit sich reißt. Die Infusionsstange fliegt quer über das Bett. Keuchend gehe ich zu Boden und nehme schützend meine Arme hoch. Ich robbe zur Seite, denn sein Blick schreit plötzlich Feind. Als er mich schreien hört, kommt er schneller auf mich zu, sieht mich durchdringlich an.

»Bitte, tun sie mir nichts! «, flehe ich ihn an, bevor er plötzlich tatsächlich stehen bleibt. Schnell sieht er sich um, als wäre er aus einer Trance erwacht. Er fasst sich an den Kopf und geht dann zu Boden.

»Sie müssen sich ausruhe, sie wurden vergiftet! «, keuche ich und hoffe, dass er meinen Worten glaubt. Er hebt seinen Kopf und sieht mir dann tief in die Augen. Mein Atem geht schneller, als er plötzlich seine Hand hebt und sie mir rüberreicht. Verwirrt sehe ich ihn an, zögere sie anzunehmen. »Bitte legen sie sich zurück in das Bett! «

Für ein paar Sekunden, sagt er nichts, er starrt mich einfach nur an. Das ist der Mann, dem ich schon einmal das Leben gerettet habe.

»Ich…erinnere…mich «, sagt er langsam und sein Ausdruck wird weicher. Er schwitzt plötzlich stark und kneift dann die Augen zu.

Schnell springe ich auf. »Tut… ihnen etwas weh? «

Er reicht mir seine Hand und ich nehme sie dann doch an. Seine Haut ist weich und warm, ich hätte genau das Gegenteil erwartet, da sein Aussehen, auf etwas Anderes hinweist. Und zwar auf Kampf und Schmerz.

Ich versuche ihn am Arm hoch zu ziehen, als die Tür plötzlich aufgeht. Das blonde Mädchen kommt herein.

»Tor, du bist wach «, stellt sie fest und kommt dann schnell auf uns zu gelaufen. Sie packt ihn an der anderen Seite seiner Schulter und hilft mir, ihn ins Bett zu legen.

»Anna…ich…Wo ist…haben wir gewonnen? «, flüstert er benommen.

Sie lässt sich zu ihm runter und umschlingt dann seine große Hand mit beiden von ihren.

»Ja, das haben wir «, flüstert sie, ehe ihr plötzlich die Tränen kommen. Ich trete ein Stück zurück, will das hier nicht stören. Ich gehe zu dem Mann, der ein Bett weiter liegt und leuchte ihm ebenfalls in die Augen.

Das Mädchen weint bitterlich, doch versucht sie ihm immer wieder zu versichern, dass alles gut ist. Er scheint ihr nicht zu glauben, weshalb sie sich von Mal zu Mal mehr Mühe gibt, es ihm glaubwürdiger herüber zu bringen. Ihr starkes Schluchzen ist dabei nicht von Vorteil. Diese Menschen haben viel durchgemacht, das ist mal sicher.

»Haben sie Schmerzen? «, frage ich erneut und trete wieder an das Bett heran und auch um dem Mädchen zu helfen, der Frage aus dem Weg zu gehen. Für sie ist es viel zu früh, über das geschehene zu reden, was auch immer ihr passiert ist.

 

 

 

 

 

Anna…

 

Ich will ihn nicht anlügen, doch ich muss es tun. Ich sehe ihm an, dass er mir nicht wirklich glaubt, doch ist es erst mal das Beste, wenn er erst einmal gesund wird, bevor ich ihm alles erzähle.

»Im Moment nicht «, versichert Tor der Ärztin auf ihre Frage, ob er Schmerzen hat. Ich drücke seine Hand noch fester und bin heilfroh, dass er wieder wach ist. Als er merkt, dass etwas nicht stimmt, setzt er sich auf und öffnet seine Arme. Schnell springe ich auf und umschlinge ihn mit meinen Arme. Ich drücke ihn so fest es geht an mich, versuche mir seine Berührungen für die Zukunft zu merken, wenn ich erst einmal ohne sie bin.

»Egal was passiert ist, es ist nicht deine schuld! «, flüstert er plötzlich in mein Haar. Mein Schluchzen wird immer mehr, ich weiß nicht, wie ich das aushalten soll.

»Warum sind wir hier? «, fragt er schließlich. Ich löse mich nicht von ihm, hab noch nicht genug von seiner Nähe. Die Ärztin hat sich komisch gucken von uns abgewandt.

»Brisk hat mir geholfen zu fliehen. «

Er sagt nichts, streichelt mir lediglich über den Kopf. »Ich habe die Ärztin hergeholt, damit sie euch hilft. Ihr wurdet vergiftet. «

Ich merke, dass er seinen Kopf in die Richtung der Betten dreht und wie er dann leicht einatmet. »Das erklärt einiges aber das kriegen wir schon hin! Wir dürfen jetzt nicht den Kopf hängen lassen! «, verspricht er mir und küsst mich dann auf die Stirn. Ich löse mich ein wenig von ihm und schenke ihm ein erschöpftes Lächeln.

»Aber jetzt, gehst du und wäschst dich! «

Ich wische mir mit meinem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht und er küsst mich erneut auf die Stirn.

»Wenn sich was tut, sagst du mir Bescheid, ja? «

Als ich die Tür erreiche, sehe ich ihn noch einmal an. Erschöpft rutscht er herunter und nickt.

Ich schaffe es nicht meinen Blick nach links schweifen zu lassen, zu groß ist die Angst, Will könnte aufwachen und ich schließlich alles verlieren.

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