Bemerkenswert

Willkommen!

 

Hallo und <3lich willkommen auf meinem Autoren Blog.

Ich freue mich sehr, dass du es auf meine Seite geschafft hast 🙂

Mein Name ist Jane Dark und ich schreibe gerade an meinem ersten eigenen Buch und veröffentliche dieses Kapitel weise. Der Name des Buches ist »Blood Hunter «

Wer also Lust hat es zu lesen, kann dies hier im Folgenden tun 😉

Über Kritik freue ich mich immer und bin gespannt, wie es euch gefällt 😉

Der Blog funktioniert so, dass man an der Seite direkt auf das Kapitel klicken kann, welches man lesen möchte, also ganz einfach:)

(Wenn du dies hier am Handy liest, einfach auf das aktuelle Kapitel klicken und dann bis zum Ende scrollen, dann kannst du das Kapitel wählen!)

So, nun wünsche ich viel Spaß beim Lesen!

Eure Jane

http://www.facebook.de/JaneDarkk

Advertisements

Blood Hunter Band 2 – Kapitel 48

Anna…

Raven zieht mich mit ihrem festen Griff hinter sich her – umklammert mit der anderen Hand ihren Brustkorb – sodass ich keine Chance habe stehen zu bleiben, doch es dauert nicht lange, da legt sich ein neuer Schleier über meine Sicht.

Ein viel trauriger Schleier. Ein viel schlimmerer: Gleichgültigkeit.

Ich muss das hier alles tun, ich habe keine Wahl. Ich musste töten, um nicht selbst getötet zu werden.

Wie ein kleines Kind trotte ich hinter ihr her, ohne sie würde ich mich verlieren. Nicht nur hier in diesem Wald. Nein, auch in meinen Gedanken.

Es dauert eine Weile, ehe wir plötzlich stehen bleiben. Sind wir etwa endlich da?

„Es ist nicht deine Schuld, ok?“, es dringen Worte zu mir durch, ihre Worte „Die toten werden erst nach dem Krieg betrauert. Solange der Krieg noch stattfindet, wirst du dich nicht verlieren, verstanden?“, sie macht eine kleine Pause nach ihren Worten, die nur so aus ihr heraus gesprudelt sind. Jetzt wird ihr Ton weicher und sie seufzt. „Ich brauche dich schließlich noch!“ Sie legt ihre kühle Hand vorsichtig auf meine Schläfe und sieht mir in die Augen.

Das erste mal seit ich sie kenne, sehe ich plötzlich etwas in ihr, von dem ich dachte, sie würde es gar nicht besitzen: Mitgefühl.

Es erschreckt mich, deshalb bin ich gewillt etwas zurück zu weichen, doch ihre Augen, die mich wirklich davon überzeugen wollen, dass wir das hier zusammen schaffen, sind plötzlich so klar, dass ich nicht anders kann, als meine Hand vorsichtig auf ihre zu legen. Mehr kann ich ihr nicht geben, nein, es geht einfach nicht, denn mein Herz wiegt so schwer in mir, dass es mir den Atem raubt. Aufmunternd drücke ich ihre Hand ein wenig fester, als sich auf Ravens Gesicht plötzlich ein kleines Lächeln ausbreitet und meinem Herz damit doch noch einen warmen Stoß versetzt.

Sie ist meine Schwester, daran wird sie nie etwas ändern, doch kann ich ihr wirklich vertrauen? Was wird nach dem Krieg sein? Werden wir diesen Clan – Ihren Clan, ihre Familie – wirklich gemeinsam auslöschen können, oder werde ich eines Besseren belehrt und laufen gerade blindlinks in die Falle?

„Du kannst es nicht, oder?“, zischt sie plötzlich und reißt ihre Hand von meinem Gesicht los und mich aus meinen Gedanken. „Du kannst mir nicht mal jetzt vertrauen“, stellt sie betroffen fest.

Verdutzt sehe ich sie an, meine Hand reißt sie damit ebenfalls zur Seite, als sie ihre wegzieht und schon ist sie wieder da, die Raven die ich kenne. Eiskalt, wütend und vor allem erbarmungslos.

„Ich sehe es in deinen Augen, Anna. Sie verraten dich!“, flüstert sie, als sie einen Schritt zurück macht und dabei vor Schmerz wegen ihrer Rippe zischt. Doch diesmal scheint es so, es macht ihr tatsächlich etwas aus. Ihre Augen verdunkeln sich ebenfalls, ehe sie sich langsam umdreht, um ihren Weg weiter humpelnd fortzusetzen, doch diesmal bin ich mir nicht sicher, was ich gerade gesehen habe. Hat sie sich wirklich mit ihrem Ärmel eine Träne aus ihrem Gesicht gewischt?

Natürlich so, dass ich es nicht sehe.

„Raven“, versuche ich ihr noch hinterher zu rufen, obwohl ich selbst nicht weiß, was ich ihr sagen will, doch sie ist bereits so weit weg, dass ich sie nicht mehr erreiche, also setze ich meinen Gang ebenfalls fort und folge ihr.

Eine Stunde später erreichen wir dann das Versteck. Schlau, wie ich ihren Clan eingeschätzt habe, befindet es sich unter der Erde, also steigen wir hinab. Raven ist gerade dabei mir die Grundrisse des Clan-Hauses zu zeigen, als sie erneut vor Schmerzen zischt. Doch ihre sofortige Antwort darauf, ich solle mich um mich selbst kümmern, lässt mich ebenfalls wieder klar denken. Ich bin nicht wegen ihr hier, sondern wegen dem Gift in meinem Blut. Wenn wir es nicht schaffen, es rechtzeitig aus meinem Körper zu bekommen, könnte es dem Baby schaden.

Dem Baby.

Mein Herz versetzt es erneut einen Schlag.

Raven scheint dies zu bemerken. „Du weißt, dass ich das Gift nicht ohne Schmerz aus deinem Körper bekomme, oder?“

Ich nicke beklommen. „Das hatte ich mir schon gedacht.“

Sie führt mich schließlich hinüber zur Krankenstation, während sie mir verspricht, dass dem Baby nichts passieren wird. Kurz bevor ich auf der Bahre platz genommen habe, blinkt es plötzlich rot auf dem Display, das direkt neben dem Computerbildschirm steht. Und mein Herz damit in Aufruhr versetzt, denn ich weiß genau, wer gerade auf dem Weg zu mir ist.

Keuchend steht er im Türrahmen des kleinen Krankenzimmers. Sein Atem geht schnell, doch irgendwie auch gleichmäßig, denn er versucht seine Hast zu unterdrücken. Für mich und für den Moment. Er muss den ganzen Weg bis hier hingerannt sein, so, wie ich es mir erhofft hatte. Seine Augen fixieren die meinen so stark und mit einer so wahnsinnigen Sehnsucht, dass es mir schlagartig die Kehle abschnürt. Nicht auf eine negative Art und Weise. Nein, auf diese Weise, wie man sie nur selten sieht, denn ihm geht es wie mir: Würde sich jetzt Jemand in unseren Blick verirren, würden wir ihm beide das Herz herausreißen. Sofort und ohne zu zögern.

Wie angewurzelt steht er da. Mit dem Schwert in der Hand, den Griff ungeduldig umklammernd, an dem immer noch das Blut seiner Feinde herabtropft. Der Regen rinnt immer noch von seinen Haarspitzen angefangen, über sein Gesicht, bis hin zu seinen Handschuhen und seiner dunklen Hose, und sammelt sich schließlich unter seinen großen Stiefeln, die vom Schlamm bedeckt sind, zu einer Pfütze.

Auch Raven bemerkt seine Intensität sofort, macht einen Schritt zurück und nimmt dabei die Hände in die Höhe. „Wir haben einen Deal“, flüstert sie scheinbar zur Vorsicht, denn Will wäre gerade zu allem bereit. Das verraten mir seine Augen, die in diesem Moment noch viel heller leuchten als zuvor. Ein tiefes Rot ist darin zu sehen und es scheint, als würde sich etwas darin bewegen. Wie Wolken die vorüberziehen, langsam und behaglich an einem herrlichen Sommernachmittag. Doch wir haben keinen Sommer und es gibt auch keinen guten Anlass, um glücklich zu sein, bis auf seine Ankunft. Also atme ich noch einmal tief ein, ohne meinen Blick von ihm zu lösen und mache einen vorsichtigen Schritt auf ihn zu.

Es vergehen für mich ein paar unendlich scheinende Sekunden, in denen er mich anstarrt, als wollte er mich fressen. Uns fressen. Oder, als würde er sich gar nicht bewegen wollen, als wäre da plötzlich eine unsichtbare Mauer zwischen uns, die er in Gedanken nicht überwinden kann, doch dann passiert es endlich: Mit einem lauten Knall fällt erst die Klinge des Schwertes klirrend zu Boden und dann schlägt der Griff mit einem dumpfen Schlag zur Seite, ehe Will unerwartet schnell seine Arme öffnet und auf mich zu rennt. Mit seinen Armen nimmt er meinen Körper komplett ein, umschließt mich fast vollständig und lässt mich für einen erneuten Moment den Atem stoppen. Er umarmt mich so fest und mit einer solchen Intensität, wie er es noch nie getan hat. Sein Kopf ruht dabei mit seinem Kinn auf meinem Kopf und ich kann nicht anders, als meine Stirn an seine Brust zu pressen. Ich umarme ihn ebenfalls, als hätten wir uns eine Ewigkeit nicht gesehen, kann nicht genug von ihm bekommen und fahre mit meinen Armen wild über seinen Rücken, um ihn noch näher an mich zu drücken, was eigentlich kaum noch möglich ist.

Die Tränen rinnen sofort über meine Wangen, hinterlassen dort einen kühlen Hauch, wo sie heiß entlang geronnen sind. Er versucht zart zu sein, er versucht es wirklich, doch seine Hände wandern so schnell von meinem Rücken durch meine Haare und wieder zurück, sodass er mich fast dabei erdrückt.

Ich will nicht, dass dieser Moment je endet, nein, am liebsten wäre ich für immer hier. Mit ihm. Allein und nichtssagend. Seine Umarmung reicht, ich brauche gerade nicht mehr in meinem Leben, denn ich bin zuhause. Er ist mein Zuhause, egal wo wir sind.

Erst jetzt schiebt er mich ein Stück von sich, doch nur um mein Gesicht in seine Hände zu legen und mich haufenweise liebevoll und bedingungslos zu küssen. Erst fängt er dabei auf meinen Lippen an, – der Kuss ist so intensiv, dass er mir den Atem raubt – dann wandert er im Uhrzeigersinn über meine Stirn und meine Wangen und ich kann mir ein glückliches Grinsen dabei nicht verkneifen. Auch wenn meine Augen geschlossen sind, so spüre ich, wie froh er ist, dass ich es bis hierhin geschafft habe.

„Hähm“, räuspert sich Raven leise und ich öffne grinsend meine Augen, während ich Will immer noch mein Gesicht entgegenstrecke und seine Küsse genieße. Dass sie da ist, habe ich völlig vergessen, doch ich will auch nicht, dass Will aufhört, mit dem, was er tut. Erst jetzt sehe ich Will wieder in die Augen, als sich unser Blick wieder trifft. Mit seiner rechten Hand hält er meine Wange weiterhin fest und streicht mir mit der anderen behandschuhten Hand, eine kleine Strähne aus dem Gesicht.

„Anoch jeadast sua“, flüstert er und sieht dabei einfach erleichtert und glücklich aus.

Ich weiß nicht wieso, doch ich weiß genau, was seine Worte bedeuten. Ich fühle es irgendwie.

„Ich liebe dich auch“, flüstere ich zurück, während mein Magen Purzelbäume schlägt. Noch nie war das Band zwischen uns so stark, wie gerade. Ich kann meine Augen kaum von ihm lösen und er seine auch nicht von meinen.

„Du…weißt, was es heißt?“, flüstert er etwas verblüfft.

„Ich…“ Zögernd ziehe ich meinen Kopf ein wenig zurück. „Das heißt es doch oder?“

Ein Lächeln macht sich wieder auf seinem Gesicht breit, bevor er seine Lippen wieder fest auf meine presst und mich damit ein wenig zurück schiebt und meine Wirbelsäule fast einen Halbkreis bildet. Das ist wohl seine Antwort. Ein klares „Ja“.

„Leute…ich will ja nicht stören, aber… „, erklärt Raven erneut mit verhaltener Stimme.

Und sofort ist alles wieder da. Alles, warum wir hier sind. Der Plan und auch die Entfernung des Giftes aus meinem Blut, welche schmerzvoller sein Wird, als alles andere zuvor, so Raven.

Ich ziehe mich schließlich ein wenig von ihm zurück, doch Will ist noch nicht bereit mich loszulassen, also schenke ich ihm ein verführerisches Grinsen.

„Also Raven, du bist dir absolut sicher, dass dem Baby nichts passiert?“, frage ich erneut, so dass Will es auch hören kann.

Raven wirkt plötzlich angespannt, Wills Anwesenheit scheint sie nun irgendwie einzuschüchtern. Immer noch hält sie sich die Hand an die Rippe, denn sie weiß wohl, dass sie ihm gerade nicht gewachsen wäre.

Sie räuspert sich kurz. „Wenn wir das alles hier heil überstehen, könnt ihr von mir aus in den Sonnenuntergang segeln“, sagt sie betont arrogant und macht sich an einem Gerät zu schaffen, dass ich vorher noch nie gesehen habe.

Doch etwas an ihren Worten bestärkt mich, lässt mich hoffen.

Wenn das alles hier wirklich geschafft ist, dann könnten Will und ich uns wirklich abseilen. Der Anführer des Clans ist zurück. Er ist noch schwach, aber nun sollte dem doch nichts mehr im Wege stehen. Will würde zwar seine Bürde annehmen, sollte er es müssen, und ich bin mir sicher, er würde sich fabelhaft machen, doch hat er mir gezeigt, dass ihm seine Familie wichtiger ist. Doch das muss er nun nicht mehr. Er hat den Clan in der Abwesenheit seines Vaters angeführt und durch den Krieg gebracht, doch nun kann der rechtmäßige König wieder seinen Platz einnehmen. Wir wären frei!

Hoffnung jagt durch meinen Körper, lässt mich lächeln, wie ich es ewig nicht getan habe, also suche ich Wills Blick, strahle ihn an, denn jetzt könnte es wirklich passieren. Wir müssen nur den Krieg beenden. Wir müssen nur noch ein mal unsere Pflicht tun, dann könnten wir frei sein.

„Baby, hast du gehört?“, flüstere ich hoffnungsvoll in seine Richtung, „Wenn wir das alles geschafft haben, dann können wir drei von hier abhauen“, kurz sehe ich an mir hinab, „wir wären eine Familie. An einem anderen Ort. Wir lassen das hier alles hinter uns!“

Will…

„Wenn wir das alles hier heil überstehen, könnt ihr von mir aus in den Sonnenuntergang segeln“, entgegnet Raven Annas Worten betont arrogant, ehe sie die Maschine hervorholt, dass uns dabei helfen wird, die Herztöne des Babys zu hören, während Raven Anna das Gift aus den Körper saugt.

Das wird eine Prozedur.

Doch nach diesen Worten, kann ich sehen, wie Annas Gedanken sich überschlagen. Ich muss nicht mal wissen, was sie denkt, ich kann es an ihrer Körperhaltung sehen. Sie denkt wirklich darüber nach, von hier zu verschwinden, dem ganzen Leid zu entsagen und frei zu sein, was mich ziemlich glücklich macht. Doch weiß sie nicht, was ich getan habe. Noch nicht, denn das würde ihr das Herz brechen. Nicht nur das Herz. Es würde alles auf die Probe stellen, was wir je durchlebt haben.

„Baby, hast du gehört?“, flüstert sie hoffnungsvoll in meine Richtung, „Wenn wir das alles geschafft haben, dann können wir drei von hier abhauen“, kurz sieht ich an sich hinab, „wir wären eine Familie. An einem anderen Ort. Wir lassen das hier alles hinter uns!“

Schwer schluckend stehe ich da, denn die Hoffnung, die in ihr aufkeimt, scheint nun ungebrochen. Nun muss ich eine Entscheidung treffen. Breche ich ihr jetzt, oder nach dem Krieg das Herz?

Märchen Adaption – Kapitel 1

„Sie werden uns erwischen!“, Seufzend sah Lila in unsere Mädels Runde. Wie immer hatte sie Angst, dass wir erwischt werden, doch das war glücklicherweise bisher noch nie der Fall gewesen. Und auch heute würde das nicht passieren. Nein, dazu waren wir viel zu vorsichtig, und der Plan war wasserdicht.

Die Laute Pop Musik schallte aus den großen Boxen des Dj’s am anderen Ende des Raumes zu uns herüber, sorgte dafür, dass wir uns anschreien mussten. In mir löste jeder Schlag anfänglich noch etwas Unbehagen aus, doch je länger wir in dieser Welt waren, desto besser wurde es.

„Halt die Klappe man, du verdirbst uns den Spaß, Lila!“, zischte Sara, während sie ihre Maske noch ein wenig weiter herunter in ihr Gesicht zog, sodass jetzt nur noch ihre rot geschminkten Lippen zu sehen waren, die sie danach noch einmal in ihrem Handspiegel überprüfte. „Kann sie bitte Jemand nach Hause schicken?“

Ihr Blick fiel auf mich, nachdem sie ihn in ihrer Tasche versteckt hatte.

„Hört auf mit dem Blödsinn und benehmt euch! Wir haben nicht viel Zeit und ich will nicht, dass ihr mir alles kaputt macht, klar?!“, waren meine Worte, mit denen ich den Kindergarten schnell beenden wollte.

„Schon gut, Aria“, ruderte Sara schnell zurück, während Lila nun ein freches Grinsen auf den Lippen lag. „Wie lautet der Plan?“

Mit meinen Fingern fuhr ich an meine Maske, um sie ebenfalls noch etwas weiter herunterzuziehen, denn wir waren schließlich auf einem Maskenball. Die Menschen verstanden scheinbar etwas anderes darunter als wir.

„Wir werden diese Nacht nutzen. Wir werden Spaß haben, denn das hier könnte unsere letzte Nacht sein! Wir werden uns betrinken und wir werden Sex haben“, ich machte eine kleine Pause, um meinen Worten noch mehr Ausdruck zu verleihen, „sehr…viel…Sex!“

Der darauffolgende Freudenschrei der Mädels war so laut, dass er die Musik für einen kleinen Moment übertünchte, bevor sie schließlich davonzogen. Eine nach der anderen zog ihre Maske herunter, ehe sie dann in verschiedene Richtungen loszogen. Ihr Ziel dabei fest im Auge.

„Wir haben nur diese eine Nacht, und die sollten wir nutzen!“, flüsterte ich mir selbst zu, doch wusste ich nicht, wen ich mehr überzeugen musste. Mich oder die anderen, denn dieses mal fühlte sich anders an, als die anderen Male, in denen wir uns vom Schloss gestohlen hatten.

Mein weißes Kleid war definitiv zu kurz und mein Gesicht enthielt mehr Schminke, als je zuvor, doch in dieser Nacht sollte das schließlich alles egal sein.

Ich war es gewohnt, als Prinzessin jeden männlichen, aber auch weiblichen Blick auf mich zu ziehen, und so tat ich es auch jetzt. Nun, diesmal war es gewollt.

Grazil wie ich war und in den höchsten Schuhen die ich finden konnte, stolzierte ich die ersten Meter etwas taumelnd – denn nicht oft hatte ich die Möglichkeit meine Füße zu benutzen – doch dann fing ich mich und stolzierte schnurstracks auf den Tresen zu, der nicht mehr weit von mir entfernt war und wartete, wie üblich, dass sich die Masse für mich davor teilte.

Es dauerte nicht lange, da drehte sich die erste Frau mit weit aufgerissenem Mund zu mir um, der nächste Mann tat es ihr gleich und gab damit die Sicht auf den Barkeeper frei. Die zwei restlichen Frauen, die sich scheinbar mit ihm unterhielten, stockten ebenfalls und kamen jetzt ein wenig mit ihren Körpern vom Tresen zurück, auf dem sie sabbernd gelegen hatten.

„Wie eklig“, schoss es mir durch den Kopf und ich setzte ein angewidertes Gesicht auf.

Mit ihren Blicken musterten sie mich von oben bis unten, doch sagten sie kein Wort, während die Musik immer noch durch meinen Körper hämmerte.

Ich schenkte den Frauen und dem Mann vor dem Tresen keine Beachtung, nein, mein Blick fiel direkt auf den Barkeeper, der mich nicht mal ansah. Mit einer Ruhe und einer Leichtigkeit, warf er eine Flasche in die Höhe, die er eben noch in der Hand hielt und fing sie dann spielend wieder auf, als hätte er nie etwas anderes getan. Was mit Sicherheit stimmte.

Dann floss der Alkohol in ein größeres Glas, das er in seiner anderen Hand hielt und stellte es schließlich der Dame zu seiner Rechten mit einem frechen Grinsen auf den Tresen. Ein kleines rosa Schirmchen und eine Zitrone hatte er ihr noch dazu serviert.

Er schien perfekt zu sein, so wie der Cocktail.

Die Frau für den der Cocktail war jedoch starrte mich immer noch an. Meine Finger zuckten bereits.

Wieso sah er mich nicht an?

Ich räusperte mich auffällig, verschränkte die Arme vor der Brust und kam ein wenig näher.

„Wen muss ich hier küssen, um etwas zu trinken zu bekommen?“ Meine Stimme klang süßer als die süßeste Frucht, die ich je gegessen hatte, doch es zeigte keine Wirkung bei ihm, was mir unerklärlich war. 

Er blickte immer noch nicht auf. Der Mann neben mir, der mich sabbernd ansah, war mir hingegen völlig egal. Ich wollte, dass er mich ansieht.

Ich beschloss ihn mir genauer anzusehen. Er war muskulös, trug ein schwarzes Shirt, das augenscheinlich eine Nummer zu klein für ihn war, sodass seine Muskeln zum Vorschein kamen. Seine Haare trug er etwas länger, sie waren schwarz und zur Seite gegelt. Soweit ich sehen konnte, war sein Hals und seine Arme tätowiert.

Erst jetzt sah er zu mir auf, aber nur für einen kurzen Moment. Doch das reichte mir nicht.

„Was darf’s denn sein? Aber küssen is‘ nich‘!“, sagte er lässig und mixte einen weiteren Cocktail.

Erst jetzt fiel mir auf, dass ich für den Moment die Luft angehalten hatte, indem er gesprochen hatte.

Was war nur mit mir los? Niemand konnte mich aus der Fassung bringen, ich war schließlich eine Prinzessin, wenn auch nicht in dieser Welt.

„Hat es dir die Sprache verschlagen, Rotschopf?“, fragte er amüsiert, als ich noch fieberhaft nach einer passenden Antwort suchte, die ihn im besten Falle aus der Welle hauen würde. Seine Arroganz war nicht zu übersehen, denn er hatte ein breites Grinsen auf den Lippen.

„Ich…also…Ich hätte eigentlich nur“, ja, was wollte ich denn? ,“…gerne was zu trinken“, brachte ich stotternd hervor.

Was für eine Glanzleistung.

„Du…ähh…“, äffte er mich nach, „…willst was zu trinken? Das hätte ich jetzt nicht gedacht.“

Er breitete seine Arme aus, als wollte er mir so zeigen, dass wir an einem Tresen stehen.

Ich kam mir dumm vor. und zog verlegen mein Kleid etwas herunter.

Die Frauen und der Mann lachten derweil auf und wandten sich ihm wieder zu, als wäre ich ihnen zu langweilig geworden.

In meinem Kopf schlugen die Gedanken Purzelbäume. Sie handelten von Schimpfworten und Gemeinheiten, die ich ihm nur zu gerne an den Kopf hämmern würde. Sie waren fies und unangenehm, genau wie das, was er mir gerade angetan hatte, denn so hatte noch nie Jemand mit mir gesprochen. Doch da ergriff plötzlich Jemand meine Hand.

„Sie sind hier!“, schrie Lila panisch, „sie haben uns gefunden!“

Geistesgegenwärtig ging ich in die Hocke und sah mich um. Die Musik stockte plötzlich und aus der Menschenmenge, die eben noch ausgelassen tanzte, kamen plötzlich ängstliche Schreie zu uns herüber.

Ich wusste sofort was das bedeutete. Es war soweit: jetzt hatten sie uns wirklich zum ersten Mal gefunden. Und das schlimmste war, das war unsere Schuld. Meine.

Wie konnte ich das nicht mitbekommen?

Die Menge schrie, es Blitze und Lila drückte meine Hand so fest sie konnte.

„Wir müssen hier weg! Wo sind die anderen?“, fragte ich sie entschlossen zu fliehen.

Vor lauter Panik brachte sie kein Wort mehr raus.

Ich drückte sie fest an mich. „Ist schon gut, Lila. Ist schon gut. Lass uns abhauen!“

Als ich aufstand, tat Lila es mir gleich, doch als ich meinen Blick noch einmal über die Menge schweifen ließ, blieb ich plötzlich an einem ganz bestimmten hängen. Mein Herz hämmerte, schlug mir bis zum Hals, doch für einen Augenblick stand der Barkeeper einfach nur da und sah mich durchdringlich an. Um uns tobten die Menschen, alle schrien sie, doch er stand völlig regungslos da und starrte mich an, als könnte er so in meine Seele blicken. Die Welt hielt für einen kurzen Moment an, ich fühlte mich schwerelos in seinem Blick, alles schien in Zeitlupe zu passieren, während ich mich in seinen Augen verlor.

Doch dann griff er nach unten, griff nach etwas, und zeigte mit seinem Arm nach rechts. Ich verstand sofort, Lila tat es ebenso, doch ich konnte mich plötzlich nicht mehr rühren. Bis ich sah, was er in der Hand hielt: Eine Waffe.

Er feuerte einen Schuss in die Decke ab, der mich aus meiner Trance erwachen ließ. Der Knall stieß mich an, während das Adrenalin durch meine Adern schoss und mich dadurch wieder aus meiner Starre befreite.

Lila zog an mir, zeigte in die Richtung der Hintertür und ich ließ mich schließlich von ihr mitziehen.

Doch wir waren nicht die einzigen, die in diese Richtung wollten. Nein, alle Menschen in diesem Raum hatten scheinbar in ihrer Panik die gleiche Idee und kamen trampelnd auf uns zu. 
Lila stieß die Tür mit beiden Händen auf und als ich auf der Schwelle zwischen Drinnen und Draußen stand, bemerkte ich die Kühle sanfte Nacht Luft auf meiner Haut. 

Sie war kalt und sie war erschreckend klärend, denn erst jetzt wurde mir klar, was passiert war.

„Wir müssen zurück, Aria! Wenn sie sehen, dass wir nicht da sind… Dein Vater wird uns alle bestrafen!“, flüsterte sie beklommen und zog mich mit sich.

Ich konnte nicht anders, als ihr zu folgen, denn sie hatte Recht. Mein Vater würde nicht nur mich bestrafen, sondern alle anderen.

Wir liefen die Straße mit den vielen Palmen entlang, die Menschen folgten uns in Richtung des Meeres, denn dort dachten sie, wären sie sicher. Panisch versuchten auch sie vor unseren bewaffneten Wachen davon zu laufen, die sich gewiss nicht scheuen einen Menschen zu töten.

Wir trieben jetzt mit dem Strom der Menschen, folgten ihnen der kleinen Straße zum Strand entlang. folgten ihnen voller Panik in das peitschende Wasser. Doch als Lila und ich es erreichten, war uns klar, dass wir eine sehr lange Zeit nicht wieder hierhin zurückkommen könnten. 

Vielleicht sogar nie wieder.

Das Meer war aufbrausend und laut, während der Regen einsetzte und es anfing zu donnern. Es tobte, während der Wind sein Übriges dazu tat. Die Wellen schlugen an die Klippen, bis an den Strand.

Lila nickte mir noch einmal entschlossen zu, bevor sie ins Wasser rannte und schließlich zwischen den badenden Menschen verschwand, doch ich brauchte etwas mehr als eine Sekunde.
Dieser Mann ging mir nicht mehr aus dem Kopf.

Ich konnte nicht… Ich konnte einfach nicht ins Wasser. Etwas hinderte mich daran, es kam von innen und zwang mich zum Stehen.

Bis ich schließlich ihre Stimmen hörte.

„Aria! Wir sind hier! Uns geht es gut!“, hörte ich Sara von hinten rufen.

Langsam und voller Freude drehte ich mich zu ihnen um, als sie auch schon auf mich zu gerast kamen. Sie ergriffen meine Hände. Eine rechts eine Links, bevor wir gemeinsam ins Wasser liefen.

Meine Haut kribbelte bereits, als ich das Wasser an meinen Beinen spürte, ließ mich langsam wieder zu dem werden, was ich wirklich war, als ich an der Oberfläche hinab schwamm.

Während ich schwamm, zog ich das Oberteil aus, dass wir uns vorher besorgt hatten und ließ es schließlich zu: Wir verwandelten uns langsam zurück.

Wir hatten diese Transformation schon so oft durchgestanden, doch dieses mal war anders: Ein Teil von mir blieb an diesem Strand zurück. Und ich war sicher, dass ich mir diesen Teil zurückholen würde.

 

 


Ende kapitel 1

Blood Hunter band 2 – Kapitel 47

            
Villa Anwesen, Krankenstation…
Will
Wie ein kauerndes, altes, menschliches Wesen liegt er da. Seine Atemzüge sind gezählt, doch gibt er nicht auf. Nein, er war nie der Typ von Mann der aufgegeben hat, das liegt einfach nicht in seiner Natur. Lieber hätte er sich seine Kehle mit seinen eigenen Krallen aufgeschlitzt, als zu versagen. Und das brachte er auch mir bei. Auf brutalste Art und Weise, ja, aber das machte mich zu dem Vampir, der ich heute bin.

Er ist blass, blasser, als ein Vampir je sein sollte und sein Atem geht stoßweise, doch immer wieder reißt er verzweifelt seine Augen auf, um nicht einzuschlafen, denn das wäre sein Todesurteil. Das Blut, dass durch Schläuche in seine Arme und den wichtigen Körperorganen geführt wird, kann ihn wahrscheinlich nicht mehr retten, denn er steht kurz vor dem Vertrocknen. Zu lange ist er ohne Blut gewesen.
»Sohn«, ertönt plötzlich seine lädierte Stimme.
Ich schrecke auf, denn es reißt mich aus meinen Gedanken. »Vater?« 
Langsam versucht er seinen Kopf in meine Richtung zu drehen, während das Bett unter seiner Last ächzt. Die Betten der Krankenstation sind nun mal nicht für diese Art von Vampir gemacht: Einem der mächtigsten, dieser Welt. Und einer der gefährlichsten.
Sein Röcheln lässt mich näher zu ihm heran rutschen. »Geht es dir gut?« 
Er schließt noch ein Mal seine Augen, ehe er zitternd seine Hand nach mir ausstreckt, die ich sofort in Empfang nehme.
»Mein Sohn«, er hustet, »dieses Kind, es wird diesen Krieg beenden! « 
Das ist typisch für ihn. Noch auf seinem Sterbebett denkt er nicht an sich, macht sich Gedanken über seinen Clan. Nur so sind wir so weit gekommen.
Ich kann nicht anders, als darüber leise zu lachen. »Ich weiß Vater, Anna wird das schon schaffen. Wir werden das schaffen. Wir beenden diesen Krieg! «, versichere ich ihm und drücke seine Hand dabei, »Aber jetzt musst du dich ausruhen! Du musst wieder auf die Beine kommen! « 
Ohne ihn, das habe ich in der Zeit gemerkt, als er nicht da war, schaffe ich es nur kaum, den Clan am Leben zu halten. Seit Anna in mein Leben getreten ist, hat sich so viel verändert. Ich habe sie zu einer von uns gemacht, aus Egoismus und, weil ich immer der Entscheidung zwischen ihr und meinem Clan aus dem Weg gehen wollte. Ich wüsste, dass die Antwort immer sie lauten würde, tief in meinem Herzen ist sie alles für mich, mehr als dieser Clan es je sein wird, doch was wäre ich für ein Anführer, würde ich diese Entscheidung wirklich treffen?
Er muss am Leben bleiben, er muss diesen Clan leiten, denn schon länger schwebt dieser Gedanken über mir. Dieser Gedanke, seitdem ich das erste Mal den Herzschlag meines Kindes hörte, von hier weg zu gehen. Nur wir drei, an einen Ort, wo uns Niemand kennt. Doch um das schaffen zu können, muss dieser Krieg beenden werden und dieser Clan muss leben. Niemand darf von diesem Kind wissen, es würde meine Glaubwürdigkeit in Frage stellen.
»I-ich «, er macht erneut eine Pause und schließt die Augen, »spreche nicht von dem Mädchen! « 
Er drückt meine Hand so fest er kann. »Deine Mutter hat es mir erzählt. « 
»Was hat sie dir erzählt? «, frage ich aufgebracht und lasse seine Hand los. Es versetzt mir sofort einen Schlag.
Sein Flüstern ist kaum hörbar. »Dieses Kind, du weißt was du zu tun hast, willst du diesen Clan leiten? « 
Die Worte treffen mich, lassen mich schneller atmen, als ich es mir selbst erlaube, denn ich weiß, was er von mir verlangt. Er würde alles und jeden riskieren, um diesen Clan zu retten.
»Vater«, flüstere ich erschrocken, »das…. das kann nicht dein Ernst sein!« 
»Willst du diesen Clan mein Junge? Dann darf dieses Kind nicht stärker sein, als du! «, krächzt er.
Ich kann nicht anders, als ihn anzustarren, doch ihm ist völlig bewusst, was er da von mir verlangt, ich höre es an seinem Ton. Niemals hat er etwas ernster gemeint, als jetzt.
Die trostlose Wahrheit, die mich zu zerschlagen droht, als sie mich trifft, und mir mit einem Schlag vor Augen führt, dass ich niemals frei sein werde. Niemals.
Für immer werde ich an diesen Clan gebunden sein.
Tränen steigen in mir hoch, habe ich doch schon so viel für diesen Clan geopfert, doch niemals mein Kind.
»Du weißt es!«, flüstert er erneut und plötzlich weiß ich genau, was zu tun ist.
So fest ich kann, presse ich meine Lippen zusammen, erhebe mich so schnell aus meinem Stuhl – der dabei mit voller Wucht gegen die Wand kracht – wie ich es noch nie getan habe, doch er ist schneller. Mit einer Hand greife ich nach meinem Messer, reiße es förmlich aus meinem Gürtel, doch er sitzt bereits aufrecht in seinem Bett, hat die Augen weit aufgerissen und seine Krallen ausgefahren. Bereit mich umzubringen.
Jetzt gibt keinen Weg mehr zurück! 
Mit gefletschten Zähnen greife ich blitzschnell an den Griff meines Messers, erhebe meinen Arm, um auf ihn einzustechen, doch noch in geschwächter Form ist er ähnlich stark wie ich. 
Er keucht, doch schafft er es meinem Angriff auszuweichen und aus dem Bett zu springen. Dabei schmeißt er das schwere Bett einfach um, als wäre es nichts.
Mein Haar hängt wild in meinem Gesicht, also streiche ich es zurück, doch mein Vater wartet bereits an der Wand auf mich. 
Keuchend steht er da, als hätte er schon lange auf diesen Moment gewartet. Doch nicht nur ihm wird bewusst, dass das hier längst überfällig wird. Ich spüre einfach, dass der Zeitpunkt gekommen ist. Wir spüren es beide.
Mir bleibt keine Zeit die Konsequenzen in meinem Kopf durchzugehen, denn einer von uns beiden wird gleich tot sein. Entweder er oder ich.
Einen Schlauch nach dem anderen zieht Christopher aus seinen Gliedmaßen, sieht mir dabei genüsslich in die Augen, kann sein breites Grinsen nicht verstecken.
»Für dich reicht es immer noch, mein Sohn! Keine Angst! « 
Ich lassen den Moment nicht verstreichen, will ihm nicht noch mehr Zeit zum Regenerieren lassen, also greife ich nach der Infusionsstange direkt neben mir, hole aus und werfe sie ihm voller Inbrunst entgegen.
Noch während sie auf ihn zufliegt, greift er nach danach, fängt sie ab und schmettert sie in die Ecke. Doch diesmal bin ich schneller, der Stuhl hinter mir fliegt direkt hinterher auf ihn zu, den er jedoch ebenfalls in der Luft abfängt, doch achtet er für einen winzigen Augenblick nicht auf mich, weshalb ich mein Schwert wieder schwinge und zu einem Sprung ansetze.
Noch als er den Stuhl zur Seite Schlägt, bin ich bei ihm, umklammere den Knauf meines Schwertes mit aller Kraft und schließe die Augen. 
Ich komme nicht umhin meine aufsteigenden Tränen zu unterdrücken, liebe ich doch diesen Mann. Der Kloß in meinem Hals wird immer größer, als ich merke, dass er sich plötzlich nicht mehr rührt.
Das leise keuchen, das Keuchen, das ich so sehr liebe, wenn ich es höre, dringt in meine Ohren. Es beflügelt mich jedes Mal, macht mich sonst sogar auf eine seltsame Art und Weise an.
Ich öffne langsam meine Augen, wissend, was mich erwartet, denn so oft schon, habe ich ein Leben beendet. Ich wollte das nicht tun, doch es musste sein.
Mit weit aufgerissenen Augen sieht er mich nun an, mein Schwert durchbohrt ihn mitten Im Herz, während ich ihn mit meinem vollen Körpergewicht an die Wand presse. Das Blut fließt erst langsam dann stetig an ihm herunter, als er schockiert seine Arme ein wenig anhebt, als könne er nicht glauben, was gerade passiert ist, doch es musste sein.
»Vater … «, flüstere ich und schließe meine Augen wieder. Der Schmerz sitzt tief, als ich begreife, dass es wirklich vorbei sein wird. Alles wird sich ändern.
Die Anspannung löst sich, doch ich lasse ihn nicht los. Meine Stirn lege ich behutsam auf seine Brust, versuche die Tränen zu unterdrücken, doch ich kann es einfach nicht. 
Sechshundert Jahre hat er mich gefoltert, mich belehrt und mich großgezogen. Ich verdanke ihm viel, doch bin ich nicht bereit mein Leben zu geben. Nicht mehr.
Ich muss meine Familie schützen, so wie er seine Familie, seinen Clan beschützt hat.
»Ist…schon…gut «, presst er noch hervor, ehe ihm das Blut auch schon aus dem Mund läuft und er nach vorne sackt, »dein Vater…ist da draußen. Finde…ihn! Ich…liebe…di…« 

Villa Anwesen, Apartment…
Anna…
»Ich kann dir nicht vertrauen, Raven. verstehst du das nicht?« 

Sie schnallst kurz mit der Zunge, dann sieht sie aus dem Fenster. »Und wenn ich es dir beweise?« 
Ich verschränke meine Arme. »Wie denn? «, mit meinem Finger zeige ich auf Hannah, die sie immer noch festhält, »Indem du meine Freunde folterst?« 
Nachdem sie mich für einen Moment gemustert hat, sieht sie mich wütend an. »Ich habe keine Zeit es dir zu erklären, Anna. Mach was du willst, es ist mir egal «, ihre Krallen fährt sie zurück, lässt Hannah los und macht einen Schritt zurück. »Weißt du was? Verreck doch hier mit deinen Freunden. Ich werde längst weg sein, wenn hier alles den Bach runtergeht, aber ihr… «, sie zeigt mit dem Finger auf uns, »ihr werdet alle sterben, so wie alle anderen Clans auch. Und dein Baby auch!« 
Sofort setzt Hannah sich in Bewegung, rennt zu Tor, der sie direkt in Empfang nimmt und nach Blessuren sucht. »Ist alles ok? «, fragt er sie besorgt.
Sie nickt lediglich unter Tränen.
Ich schlucke schwer, als ich über ihre Worte nachdenke. Was ist, wenn sie Recht hat?
Noch bevor ich darüber nachdenken kann, öffnet sie die Balkontür und sieht mich noch einmal an. »Das Baby wäre unsere Rettung, das habe ich nun auch verstanden. Ich würde niemals sein Leben aufs Spiel setzen!« 
Ihr Blick ist so intensiv, dass es mir die Kehle zuschnürt. Meint sie das wirklich ernst?
»Komm mit mir, Anna. rette deine Freunde! «, flüstert sie einfühlsam.
Ich weiß nicht wieso, ich weiß in diesem Moment eigentlich gar nichts mehr, doch das Gerede über die Zukunft, das Baby… all das. Was ist, wenn sie Recht hat?
Ich überlege nicht, mein Körper gehorcht mir nicht mehr, als ich auf sie zugehe.
Ich sehe mich nicht um, sehe nur sie, greife nach ihrem Arm. 
Meine Füße bewegen sich von allein, meine Gedanken sie sind wie ausgeknipst. Alles, an das ich denke ist Will, also halte ich mich an ihr fest, während wir gemeinsam vom Balkon springen.
Sie hält mich fest, als würde sie ernst meinen, was sie sagte, also versuche ich ihr zu vertrauen.
Zusammen schleichen wir um die Villa herum, während ich das Gefühl habe, noch eine Stimme zuhören, die mich ruft. Es ist Ally. 
Sie ruft nach mir, doch dann höre ich Tor, der sie davon abhält mir hinterher zu laufen.
Ich danke ihm. Ich weiß nicht, wieso. Doch ich habe das Gefühl, das richtige zu tun.
Es dauert eine Weile, ehe wir stehen bleiben. Wir haben die Villa verlassen, streifen durch den Wald, um zu einem Versteck zu gelange und irgendwie fühle ich mich benommen. Angst macht sich in mir breit. Angst, nicht genug zu tun. Will schließlich wegen meines Alleingangs zu verlieren.
Wieso? Weiß ich nicht, doch ich weiß, dass er erfahren wird, was passiert ist, dass er alles dafür tun wird, mich zurück zu holen, sollte das hier schiefgehen. Uns.
»Anna «, flüstert Raven und holt mich aus meinen Gedanken. Als ich sie ansehe, gibt sie mir ein Zeichen, dass wir nicht allein sind.
Die Angst ist plötzlich gewichen, Adrenalin durchflutet mich jetzt. »Was ist los?« 
Sie zeigt mir zwei Finger, was bedeutet, dass wir Besuch bekommen.
»Ok«, flüstere ich. Sie gibt mir zu verstehen, hinter dem Baum vor mir zu warten und verschwindet hinter dem nächsten, um dann wieder hinter dem nächsten in Deckung zu gehen.
Schweren Herzens lasse ich sie gehen, verliere sie plötzlich aus den Augen, als mir klar wird, was hier läuft.
Die zwei Männer kommen mit gezückten Waffen näher, sehen sich um. Sie sind auf der Hut, doch ich schaffe es nicht meinen steigenden Puls zu kontrollieren. Mein Atem geht immer schneller, mein Herz fängt an zu rasen, als sie auf mich zu kommen. Ich schließe meine Augen, hoffe einfach, dass Raven zurückkommt und einen Plan hat, doch in meinem Inneren weiß ich, dass sie mich wohl doch zurückgelassen hat. 
»Hörst du das?«, flüstert der eine dem anderen zu. Diese Männer sind keine von uns, so viel ist sicher.
Sie haben mich entdeckt, werden bald bei mir sein, also muss ich mich verteidigen. 
Panisch suche ich auf dem Boden nach etwas, womit ich mich wehren kann, ehe mir ein etwas größerer Ast ins Auge fällt.
Schritt nähern sich mir, die Äste knacken leise unter ihren Schuhen. Ich umklammere den Ast, so fest ich kann, schließe noch einmal meine Augen und atme aus, ehe ich aufspringe.
Entschlossen trete ich hinter dem Baum hervor, nehme all meinen Mut zusammen und gehe auf den ersten los, der mich auch sofort ins Visier seiner Waffe nimmt, doch ehe er auch nur seinen Finger auf den Abzug legen kann, fängt er wie wild an zu zappeln. Seinen Kopf reißt er in den Nacken, seine Augen sind weit aufgerissen, ehe sein Atem plötzlich stockt und er vorn über zu Boden geht.
Ich kann nicht glauben, was geschehen ist. Raven steht dort, hält sein noch schlagendes Herz in der Hand, welches sie ihm gerade aus seinem jetzt leblosen Körper gerissen hat. Sie starrt es an, keucht.
Das Adrenalin pumpt in mir, ich spüre es auf meiner Haut, es kribbelt so sehr, doch ich ergreife sofort die Gelegenheit und renne auf den anderen los. Dieser ist sichtlich geschockt, starrt sie ebenfalls an, kann nicht fassen, dass sie einen der ihren getötet hat, doch dafür kann ich jetzt nichts geben. Wie in Trance bewege ich mich auf ihn zu, lasse keine Zeit verstreichen und tue es ihr gleich. Der Mann hat sich ihr zugewandt. Ich erreiche ihn, schließe meine Augen, und tue das, was ich tun muss: Mit einem einzigen Schlag habe ich ihn mit meiner Hand durchbohrt. Stoße Auf Rippen, die ich zerbreche und spüre sein zartes Inneres auf meinen Fingern, doch ich höre nicht auf, bis ich sein Herz erreicht habe. Ich spüre wie es schlägt, kann seine Angst riechen, als ich ihn durchbohre und er merkt, was ihm angetan wird, doch es belastet mich nicht. 
Ich bin ein Monster und das schlimmste ist: Ich lass es zu.
Der Geruch von Blut macht sich überall breit, benebelt mich und lässt meine Sinne tanzen, ehe ich es auch schon zu Ende bringe. So schnell, wie ich ihn durchbohrt habe, umklammere ich sein Herz mit einem einfachen Griff und reiße es dann voller Freude aus ihm heraus.
Sein toter Körper fällt vor mir auf die Füße, ehe sich der Schleier auf einen Schlag lichtet.
Meine Gedanken laufen wieder, das Monster ist verschwunden, denn die Angst ist wieder da. Kurzerhand lasse ich das Herz angewidert aus meiner Hand fallen und fange an zu weinen.
»Was habe ich getan?«, wimmere ich, doch von Raven bekomme ich keine Antwort, denn auch sie scheint es getroffen zu haben.
»Es tut mir leid, Sam«, flüstert sie betroffen und legt dann sein Herz ganz langsam und behutsam neben ihm ab. »Wir müssen weiter, Anna! Komm!« 

Blood Hunter band 2 – Kapitel 46

Anwesen
Tor sieht mich sofort an, reißt seine Augen weit auf, doch er sagt nichts. Das ist nicht gut. Ganz und gar nicht gut.
Ravens Worte hallen in diesem kleinen Verließ immer wieder nach, machen ihre Runde und treffen mich dann mit einem Paukenschlag wieder in der Mitte, in der ich stocksteif stehe und nicht fassen kann, dass sie die Worte gerade wirklich ausgesprochen hat.
Auch Ally dreht sich zu mir um. »Anna…was…sagt sie da?« Sie wartet amüsiert auf eine Antwort.
Ich bin völlig überrascht, als es mir einen Schlag in die Magengrube versetzt. Bisher konnte ich mir selbst immer noch ausreden, dass das, was ich fühle, das, was sich in mir anbahnt, nicht echt sein kann. Dass es einen anderen Grund geben muss, dass ich Zeit haben werde alles zu überdenk…
Noch ehe ich den Satz in meinen Gedanken vervollständigt habe, geht alles ganz schnell.
Hanna dreht sich zu mir um, scheinbar erfreut über die Erkenntnis um Ravens Worte, denn sie lächelt, doch da greift Raven blitzartig zwischen die Stangen, packt ihren Nacken und presst sie dann mit beiden Händen umklammernd an sich. 
»Kommt nicht näher! Sonst bring ich sie zum Schreien! «, blafft sie verzweifelt.
Sie ist wie ausgewechselt, denn ihre Haltung wechselt von verletzlich zu entschlossen. Die alte Raven hat uns wieder, denn ihr Blick ist starr und furchteinflössend.
Mit beiden Händen können Ally und ich Tor noch in letzter Sekunde stoppen, der bereits sein Schwert in seiner Hand schwungvoll dreht und zu einem Sprung ansetzt.
»Tor nicht!ü«, brüllt Ally ihn inbrünstig an und stellt sich vor ihn. »Willst du, dass wir alle sterben? « 
Keuchend hält er inne, sieht Ally an, überlegt und wägt mit gefletschten Zähnen ab, ob er es wirklich riskieren soll. Seine Brust hebt und senkt sich so schnell, dass ich kaum zuschauen kann.
»Was willst du Raven? Lass sie los! «, flüstere ich wimmernd und lasse Tor los, der jetzt meinen Arm heftig von sich weg stößt und sein Schwert daraufhin wütend fallen lässt.
»Komm her Anna! «, befiehlt Raven eilig, »dann passiert ihr auch nichts. « 
»Tus nicht Anna «, flüstert Hannah unter Tränen, »Lass sie nicht raus, sie wird uns alle töten! « 
Sie hat Recht und das weiß ich auch, doch wenn ich sie nicht raus lasse, wird sie dafür sorgen, dass Hannah schreit und uns auffliegen lassen.
»Wir können… «, setze ich schnell an, um mich selbst zu beruhigen, doch ich weiß selbst nicht so genau was wir können. Ich weiß überhaupt nichts. Mein Kopf ist leer und alles fängt sich schlagartig an zu drehen.
Schnell strecke ich meine Arme aus, versuche die sich plötzlich bewegende Welt um mich herum so anzuhalten, doch ich schaffe es nicht, lasse mich deshalb vorn über kippen und falle auf die Knie. Ich presse meine Arme auf den Boden, empfange ihn, als würde er mir alles bedeuten und schließe die Augen. In meinem Hals kratzt es plötzlich so sehr, dass mir die Luft weg bleibt, doch Ally ist schnell bei mir, kniet sich ebenfalls vor mich hin und hebt meinen Kopf mit ihren weichen Händen an.
» Hey! «, befielt sie mir, »Hey hey sieh mich an! « 
Ihre Stimme hat diese besondere Tonlage. Die, die nur zum Vorschein kommt, wenn sie sich Sorgen macht. Die Ärztin in ihr, die gefasste, ist verschwunden. Ihre Augen hingegen verformen sich komisch, und auch ihre türkisen Haare entwickeln ein Eigenleben und bewegen sich merkwürdig wie kleine Schlangen hin und her, was gewiss nicht normal ist.
»Was ist mit ihr? «, höre ich Raven blaffen.
»Könntest du für einen Moment deine Dumme Fresse halten? «, schießt Ally genervt zurück, doch lässt sie mich dabei nicht aus den Augen und werkelt an mir herum. Was sie tut weiß ich nicht, doch es fühlt sich warm und weich zugleich an.
»Ally… « Auch Tor hockt nun neben mir. Er will von ihr wissen, was los ist.
»Mach die Tür auf! «, höre ich Raven sagen. Es geschieht nichts.
»MACH DIE TÜR AUF! «, brüllt sie noch mal.
»Nein, Hannah… «, nuschele ich, doch mir fällt es plötzlich schwer zu sprechen, denn mein Körper fühlt sich müde an. »Tu…es…bitte …nic…« 
Das Knarren der Tür bestätigt mir, was ich mir gedacht habe, sie hat es getan.
Tor springt sofort auf, greift nach seinem Schwert und lässt es abermals in seiner Hand schwingen.
»Tor! «, brüllt Ally ihn an, »Tus nicht! Lass sie uns anhören! « 
Schnaufend steht er da. »Was? Diesem verlogenem Biest? Niemals! Die wird nun für das Bezahlen, was sie uns angetan hat! « 
Meine Augen sind so schwach, dass ich nur noch Umrisse erkennen kann, eben dieser Umriss, der gerade an mir vorbei auf Raven und Hannah zu springt. 
Ally springt im gleichen Moment auf wie ich, doch sie schafft es dabei auf den Beinen zu bleiben. Ich torkele weiter vor mich hin, berühre die kalten Steine vor mir an der Mauer, die ich erreicht habe.  Eine kühle Briese fährt sofort über meine Arme, eine Wohltat für meine Haut, denn ich habe das Gefühl zu brennen. Ich schaffe es nicht lange aufrecht zu stehen und rutsche an der Mauer wieder mit dem Rücken herunter.
»Bleib verdammt noch mal wo du bist, Tor! «, warnt ihr Raven noch mal, ehe auch schon Hannahs schmerzerfülltes Wimmern durch den ganzen Raum zu hören ist.
Tor stoppt in letzter Sekunde, steht nun direkt vor ihr, während mein Herz wild pocht. 
Ich kann nicht viel erkennen, doch was ich von hier aus sehe, ist der blanke Hass. Hannah sieht er dabei nicht an, seine Atmung ist extrem. Raven sollte seinen Atem auf ihrem Gesicht spüren, während sich Hannah versucht erfolglos aus ihrem Griff zu lösen.
Sie sehen sich intensiv in die Augen, Ally steht jetzt direkt zwischen ihnen, versucht Tor zurück zu schieben, doch er bewegt sich keinen Millimeter.
»Geh zurück! «, ermahnt ihn Ally flüsternd.
Er reagiert nicht und Hannahs Wimmern wird lauter, denn sie krümmt sich vor Schmerz.
Meine Sicht bessert sich für einen kurzen Moment und ich atme langsam aus.
Was auch immer mit mir geschieht, ich halte nicht mehr lange durch.
»Leute… «, keuche ich und lasse mich zur Seite fallen.
Für ein paar Sekunden sagt Niemand etwas, Raven sieht Tor lediglich tief in die Augen.
»Sag ihr, sie soll aufhören zu weinen! «, befiehlt Raven ihm energisch.

Die Anspannung in diesem Raum ist unerträglich. Alles droht innerhalb von einer Sekunde zu kippen.
Wie angewurzelt steht Tor da, Niemand kümmert sich um mich.
»Geh zurück, Tor! «, ermahnt ihn Ally noch mal eindringlich, denn Niemand kann es sich leisten, dass das hier in einem Blutbad endet.
So wie ich Tor kenne, wird er nicht aufgeben, er wird kämpfen. Und wenn es das letzte ist, was er…
Das Klirren seines Schwertes reißt mich aus meinen Gedanken und lässt mich kurz zusammen fahren. Wiederwillig macht er einen Schritt zurück, doch belegt er Raven weiterhin mit diesem Wahnsinnigen Blick, dem ich nie stand halten könnte.
»Gut, ja… «, sagt Raven selbst überrascht, »jetzt… sag ihr, sie soll aufhören zu weinen, sonst töte ich sie! « 
Tor kann seine Wut nicht verbergen, beißt sich kurz auf die Unterlippe und spricht dann ganz langsam. 
»Hannah «, flüstert er schließlich emotionslos, als hörte er ihren Namen gerade das erste mal und hält dabei immer noch Ravens Blick stand, »Hör auf zu weinen!«, er macht eine kurze Pause und schluckt heftig, »es wird alles gut!« 
Niemand hätte ihm jemals diese Worte geglaubt, so wie er sie ausgesprochen hat, glaub er sie vermutlich nicht mal selbst. 
Doch Hannah nickt, versucht sich zu beruhigen und lässt Ravens Arme langsam los.
Behutsam legt Ally nun Tor ganz langsam ihre Hände auf die Brust, um ihn zurück zu schieben, doch es gelingt ihr nur teilweise. Als er ein paar wiederwillige Schritte zurück gemacht hat, schiebt Ally das Schwert mit dem Fuß zur Seite, sodass es am hinteren Rand des Raumes landet, doch er lässt es zu, schüttelt seine Arme, als sei er ein Boxer, vor einem großen Kampf.
»Ally hol Anna und dann gehen wir hoch! Wir können hier einfach nicht bleiben.« 

Ravens Anweisung war deutlich.
Es dauert nicht lange, da taucht Allys Silhouette vor mir auf und stützt meinen Kopf auf ihren Arm. »Kannst du dich bewegen? « 
Ich nicke.
»Ok, dann hilf mir dich wieder auf die Beine zu bringen! « 
Ich tue was sie sagt, helfe ihr dabei und als wir es schließlich geschafft haben gemeinsam aufzustehen, humpeln wir zusammen zu Tor herüber, der mich – entgegen meiner Erwartung – in Empfang nimmt. Kurzerhand schlingt er seine Arme, als wäre ich ein Hauch von Nichts, um meinen Oberkörper und meine Beine und nimmt mich hoch, sodass er mich tragen kann.
Auch ich schlinge nun zögerlich meine Arme um ihn, versuche ihn dabei nicht anzusehen, denn sein Blick ist so voller Wut und voller Hass, dass es für zehn Männer reichen würde.
Raven schiebt nun Hannah vor sich her, ihre Krallen immer noch an ihrer Kehle. »Ihr geht voran! « 
»Und wohin? «, höre ich Ally wütend sagen. 
Kurz überlegt sie, dann sieht sie Ally wieder an. »Erst mal rauf! ich will mit euch in Ruhe reden. am Besten in Wills Apartment! « 
Tor und Ally tauschen einen flüchtigen aber vielsagenden Blick aus, den ich direkt zu deuten weiß, doch Raven scheinbar nicht. 
Sie wollen nicht, dass sie sich in der Villa auskennt und sie soll so wenig wie möglich sehen.
»Ist das ein Problem? «, blafft sie. Das war keine Frage.
Weil sich niemand in Bewegung setzt, drückt sie ihre Krallen etwas näher an Hannahs Kehle, die sofort wieder aufschreit. Ihre Tränen rinnen ihr nur so über die Wangen, doch sie hält die Augen geschlossen und versucht die Schmerzen auszuhalten. »Setzt euch in Bewegung verflucht noch mal! Wir haben keine Zeit! « 
Da ist er wieder, der Blick zwischen Ally und Tor.
Seufzend setzt Ally sich schließlich in Bewegung, ehe wir ihr folgen. Als letztes verlassen Hannah und Raven das Verließ, ehe wir auf die kleine Steintreppe zusteuern.
Da das ganze Haus zur Verteidigung eingesetzt wurde, haben wir leichtes Spiel. schnell haben wir die große Treppe passiert und sind in unserem Apartment angekommen.
»Rein da! «, befiehlt Raven schroff.
Ally geht vor, öffnet die Tür, ehe Tor auch schon eintritt.

Tor legt mich vorsichtig auf meiner kleinen weißen Couch ab und macht dann ein paar Schritte zurück. 
Ally ist wieder sofort bei mir. »Wann hast du das letzte mal was getrunken? « 
Kurz denke ich darüber nach und schließe die Augen, während ich mir meine Schläfe massiere. »Das ist…«, ich schlucke beklommen, »schon eine Weile her. « 
Ich öffne meine Augen langsam wieder. Die Karussell Fahrt hat aufgehört, doch das lästige Kratzen in meinem Hals ist geblieben.
Sie sieht mich an, als wolle sie etwas sagen, das sie bedrückt, doch sie tut es nicht.
»Liegt es daran? «, frage ich deshalb.
Sie kommt jetzt ein Stück näher zu mir heran. »Anna wenn das stimmt «, flüstert sie jetzt und sieht auf meine Mitte, »dann musst du jetzt für zwei trinken. « 
Ich schlucke erneut, denn darüber zu reden, dass das wirklich real ist, fällt mir schwer und bisher hab ich es immer geschafft es vor mir her zu schieben.
»Du weißt was mit dir passiert, wenn du nicht genug Blut bekommst! «, ermahnt sie mich.
»Ich weiß «, gebe ich seufzend zurück und versuche mich auf meine Arme zu stemmen.
»Was flüstert ihr da «, ertönt Ravens Stimme und ich rolle genervt mit den Augen.
Ein kleines Lächeln ist plötzlich auf Allys Gesicht zu erkennen. »Wo habt ihr das Blut? Ich hole dir welches. « 
»Im Kühlschrank «, gebe ich ebenfalls grinsend zurück.
Sie entfernt sich ein paar Schritte zur Treppe hin und dreht sich noch mal um. »Sehr subtil « 
»Ich weiß! « Ich kann nicht dafür, ich muss einfach lachen. »Er dachte wahrscheinlich “ Wer würde hier jemals danach suchen?“.« 

Mit ein paar Schlücken aus einem großen Blutbeutel, kann ich schon spüren, dass es mir langsam besser geht. Das Kratzen in meinem Hals ist schlagartig verschwunden, eine wohlige Wärm breitet sich in mir aus, während meine Kräfte langsam zurück kommen.
Raven sitzt immer noch mit Hannah am anderen Ende des Zimmers.
»Trink ein bisschen mehr! «, rät sie mir, »du wirst es brauchen. Wir müssen nämlich hier weg! « 
Langsam aber entschlossen setze ich meine Beine wieder auf dem Boden ab. »Ich werde nirgendwo hin gehen, solange du mir nicht sagst, was los ist! « 
Nervös sieht sie einmal nach rechts und einmal nach links. »Nur so, werden wir das alle hier überleben! Du wirst Will heiraten müssen, bald, so wie du es wolltest. Denn nur so, kann es noch  funktionieren!« 

*** Ende Kapitel 46  ***

Schicksal der Welten – Kapitel 6

            
Seine Hände gruben sich in meinen Rücken, als er sich zu mir wandte und mir die Sicht auf die anderen Menschen nahm. »Hör mir zu! «, befahl er und bemühte sich dabei kein Aufsehen zu erregen, doch der Zug war bereits abgefahren. »Setz jetzt deine Kräfte ein! «
Ich konnte nicht anders, als ihn panisch anzusehen, meine Augen sogen sich an seinen fest, während mein Herz mir bis zum Hals hämmerte. Ich wollte ihn verstehen, das wollte ich wirklich, doch ich hatte plötzlich das Gefühl in einem Tunnel zu stecken. Seine Stimme wurde überdeckt von den lauteren Stimmen der anderen.
Er merkte, dass ich ihm nicht zuhörte, oder viel mehr seinen Worten kein Gewicht gab, also packte er mich fest bei den Armen und zwang mich ihm in die Augen zu sehen.
»Benutz…deine Kräfte, Beth! Du kannst das! Ich glaub an dich! «, presste er ungeduldig durch die Lippen. Sein Griff war so fest, dass ich Sorge hatte, er würde meine Arme brechen.
Ich verstand nicht, was er von mir wollte…meine Kräfte? Woher sollte ich die nehmen?
Ich löste mich von seinem Blick nur mit größter Mühe, meine Augen jedoch gingen danach sofort wild umher, blieben auf den vielen Menschen kleben, die sich uns immer weiter von allen Seiten näherten und sich plötzlich mit einem lauten Knall wieder die monotone Computer Stimme meldete.
»Terrorist gesichtet! Bitte bleiben sie ruhig und melden sie sich bei Sichtkontakt bei ihrem Kommander! Achtung! Terrorist gesichtet! « 
Jetzt wurde es noch ungemütlicher. Das Gesicht von Even erschien plötzlich auf sämtlichen Geräten, die die Menschen um uns herum dabei hatten. Überall ploppte und klingelte es und Evens Griff wurde noch fester.
Er schwang mich ungeduldig an die Hauswand, presste mich mit scheinbar voller Kraft gegen sie und brüllte mich an. »SETZ DEINE KRAFT EIN! WILLST DU STERBEN? « 
Seine Stimme traf mich bis tief ins Mark, ließ mich ein Ende im Tunnel sehen, aus dem ich nur noch heraustreten musste.
Mit der einen Hand nahm er mein Kinn zwischen seine Finger, während seine Stimme wieder lauter wurde, als die der anderen.
Sirenen wurden laut, Autos kamen angefahren doch Ich hielt nur Evens Blick stand.
Es lag darin so viel Leid, so viel Kummer und er brüllte mich weiter an, während für mich sich weiter alles anfühlte wie in Zeitlupe, doch dann sah ich in seine Augen. Eine Pupille schimmerte plötzlich gelb. Doch das konnte doch nicht sein, oder? Wie konnte mir das bisher nicht aufgefallen sein?
In mir breitete sich schlagartig eine Ruhe aus, die ich noch nie gespürt hatte. Ich fühlte mich geborgen, von ihm und angenommen. So, wie ich noch nie wahrgenommen wurde.
Um uns rum schien das Chaos auszubrechen, denn als die vermeintlichen Polizei Autos angefahren kamen, liefen die vielen Menschen schreiend und duckend weg. Als hätten sie Angst vor ihnen. Doch wieso taten sie das?
Wie in einem Actionfilm kamen sie angefahren, mit schlitternden Reifen kamen sie in einem Halbkreis vor uns zum Stehen und stiegen schnell aus, versteckten sich hinter ihren Autotüren. Sie griffen nach ihren Waffen, die sehr viel größer waren, als normale Polizei Waffen und grinsten frech, Als hätten sie ihn endlich gefangen.
»Das war’s dann wohl «, flüsterte Even sichtlich enttäuscht von mir und lockerte seinen Griff. Stattdessen griff er mit der einen Hand an seinen Halfter und mit der anderen strich er mir ganz vorsichtig und liebevoll eine Strähne aus dem Gesicht. Ich ließ es zu, ja ich genoss es sogar.
Schwungvoll zog er ein großes Messer aus seiner Scheide, und sah mir in die Augen, während seine Hand unter meinem Kinn ruhte.
Die Angst hatte mich so gelähmt, dass ich mich nicht rühren konnte. All das hier, dass er scheinbar auf der Flucht war, damit wollte ich nichts zu tun haben. 
War er wirklich ein Terrorist?
Gekonnt drehte Even sich von mir weg, nahm das Schwert in die Höhe und wollte gerade zu einem Sprung ansetzen, -wahrscheinlich um die Polizisten anzugreifen – als erneut ein lautes Geräusch zu hören war. Es kam von etwas weiter her, noch konnte ich nicht sehen, woher es kam.
Ich stand einfach nur da, als Even mit erhobenem Schwert auf einer der Polizisten losging. Meine Atmung ging flach, doch mein Körper gehorchte mir nicht nicht. Ich wollte schreien. Wollte Even anbrüllen es nicht zu tun. Ich wollte ihm klarmachen, dass es einen anderen Weg geben muss, egal, was er getan hat, es wäre besser sich zu ergeben, doch da sauste auch schon das große schwarze Auto, dass komischerweise eher einem Batmobil glich, auf uns zu und raste mit voller Wucht erst in das erste Polizei Auto von vier, und dann in das nächste. Die Polizisten, scheinbar selbst überrascht, überfuhr es dabei, während auch schon Markerschütternde Schreie diese lange Straße entlang hallten.
Es war nicht auszuhalten, denn das Auto blieb nicht stehen. Es rammte auch die anderen Autos mit einem zweiten Anlauf und stieß sie zur Seite. Erst einen Meter vor dem erschrockenen Even kam das Auto zum Stehen. Alles qualmte und zwei der noch verbliebenen Polizisten kamen aus ihrer Deckung hervor und schossen auf das Auto. Kugeln prasselten auf es nieder, doch es schien ihm nichts auszumachen, nicht mal ein kleiner Riss war in einer der verdunkelten Scheiben zu sehen. Ja, wenn ich dieses Auto beschreiben müsste, so würde ich sagen, war es ein dunkler Porsche, der jedoch ein größeres Ausmaß besaß.
Ein Klicken war zu hören, als plötzlich eine kleine Gestalt oben aus dem Auto hervorkam und eine große Waffe zückte. 
Ich konnte nicht glauben, was ich da sehe, doch mein Herz wusste es bereits vor mir und fing wie wild an zu schlagen.
Ohne jegliche Rücksicht schoss die Person. Erst einmal und dann zweimal und traf beide Male direkt in die Köpfe der noch übrig gebliebenen Männer, die sofort zu Boden fielen.
Ich konnte nicht anders, als zu Boden zu sinken. Wo war ich hier nur hineingeraten?
Even nahm sein Schwert runter, kam entschlossen zu mir zurück, doch die Angst hatte mich wieder. Er wusste scheinbar mehr als ich.
»Nein… nein «, flüsterte ich panisch, als er an meinen Arm griff, um mich hoch zu heben. Ich taumelte, wehrte mich und hielt mich an der Wand fest, die in meinen Rücken drang. »Bitte…nein…lass mich «, flehte ich ihn an und bemerkte nicht, wie mir meine warmen Tränen über die Wangen liefen.
»Es ist alles gut, Beth! «, flüsterte Even verständnisvoll, »vertrau mir! Wir müssen hier weg! « 
Die Person aus dem Auto verschwand wieder, stattdessen ging eine große Tür nach oben auf und gab den Blick auf das Innere des Wagens frei.
»Ich will nicht…bitte lass mich hier…«, flüsterte ich unter Tränen. Mein Kiefer war so angespannt, dass ich die Augen wie ein kleines Kind schloss, dass Angst vor dem Schwarzen Mann hatte.
Ein kurzer Moment verging, in dem nichts passierte und ich die Hoffnung hatte, er hätte mich wirklich zurückgelassen, doch dann spürte ich plötzlich einen kleinen Stich in meinem Arm und verlor fast die Besinnung. Doch es war zu spät. Ich konnte mich längst nicht mehr wehren. 
Ich versuchte zu sprechen, wollte schreien, doch es geschah einfach nichts.
»Ich lass dich nicht zurück. Nicht noch mal «, flüsterte Even, während ich seine warme Umarmung spürt, die mich hochnahm.
Es dauert nicht lange, da setzte er mich ab. Ich wusste wo ich war, denn diesen Fahrstil, der sich weiter fortsetze, hatte ich eben noch live miterlebt. 
Martinshörner erklangen. Laut. Pistolen wurden abgefeuert, Schreie ertönten. Wir wendeten, mehrmals. Eine Frauenstimme fluchte, und das im Sekundentakt, doch in mir regte sich nichts.
Ich hatte aufgegeben. Egal, was sie jetzt mit mir machten, ich könnte mich eh nicht wehren und so schloss ich meine Augen und hoffte das Beste.

Ein paar Stunden später
Es dauerte einen Moment, ehe ich begriffen hatte, dass mir mein Körper wieder gehorchte. Langsam und vorsichtig öffnete ich meine Lider und griff vorsichtig an die Decke, die mich umhüllte.

Ich schreckte sofort auf, riss meine Augen weit auf und mein Herz rutschte mir in die Hose.
Wo war ich? Und wo war Even?
Mein Blick wanderte durch den kleinen Raum in dem ich mich befand, der spärlich eingerichtet war. Lediglich das Bett, in dem ich mich befand und ein verlassener Stuhl galt hier als Einrichtung.
Ich stieß die Decke zur Seite und versuchte zunächst meine Zehen zu bewegen. Ich war so aufgeregt, als auch sie mir gehorchten, dass ich sofort die Beine aus dem Bett hingen ließ, als ich plötzlich Stimmen hörte.
»…Ja, aber das kannst du nicht einfach tun. Der Commander wusste sofort, dass du wieder da bist, Scar. Du bringst diese Frau einfach so in Gefahr? Was ist mit dir los? «, ertönte die weibliche Stimme, die ich schon kannte.
Jetzt erklang Evens erzürnte Stimme. »Ich habe es schon gesagt, aber ich sage es gerne noch mal: Sie ist wichtig für mich, ok? Wir hatten keine Wahl, sonst wären wir nicht hier! «, Stellte er klar.
Eine andere tiefe, männliche Stimme erklang, die mich sofort zittern ließ. » Was heißt das, sie ist wichtig für dich? « 
Even sagte nichts, doch mein Herz ließ es einen Schlag aussetzen. 
Ich bin ihm wichtig? Bis gestern kannte ich ihn doch noch gar nicht.
»Ist dir bewusst, dass du uns alle damit in Gefahr bringst, Scar? «, fragte die tiefe Stimme erneut.
»Ja, das weiß ich, ok? «, entgegnet Even genervt.
»Du wolltest nie wieder zurückkommen. Was ist aus deinem Plan geworden? «, fragte die weibliche Stimme vorwurfsvoll.
Langsam stand ich auf, und glitt an der Wand entlang zur Tür. Direkt daneben blieb ich stehen und presste mich an die Wand. »Scar? «, murmelte ich irritiert, »er heißt doch Even! « 
Oder war das nur der Name, den er mir genannt hatte?
Ich dachte intensiv über den Moment nach, in dem er mir seinen Namen genannt hatte, doch er wollte mir einfach nicht einfallen. Das erste mal, dass ich mich an eine Begegnung mit ihm erinnere ist der Moment, in dem er mich gerettet hat. Doch da hat er ihn mir nicht genannt.
Auch nicht, als er mich in das Apartment gebracht hatte und auch nicht, als er plötzlich wieder mit mir in der Gasse stand. 
Doch woher wusste ich dann, dass er Even heißt?
»Das wollte ich auch…ich verspreche auch, ich werde sie zurück bringen, werde ihre Erinnerungen löschen und dann… ja dann, kann jeder sein Leben leben. Bisher weiß er noch nichts von ihr und will auch, dass das so… «, sagte Even verzweifelt, doch sprach er den Satz nicht zu Ende, denn er wurde von einer weiteren, abgehetzten Stimme unterbrochen, die dazu stieß. 
»Er weiß es!«, die Stimme kam für einen kurzen Moment zur Ruhe und holte Luft, »der Commander… er war es höchstpersönlich! Er weiß von ihr.« 
Ein Raunen ging durch den Raum und ich erschrak. Wer war der Commander?
»Was? Das kann nicht sein! Ich war all die Jahre vorsichtig, hab sie nicht angerührt. Ich habe mich von ihr ferngehalten! «, entgegnete Even entsetzt.
»Fuck! «, fluchte die dunkle Stimme, ehe etwas durch die Gegend geworfen wurde und dabei ein lauter Knall entstand. Ich zuckte zusammen und hielt mir die Ohren zu. 
»Damit ist es offiziell «, offenbarte die Stimme leise nach ein paar unerträglich langen und ruhigen Sekunden, »Willkommen unter den lebenden, Scar. Du hast den Krieg erneut eröffnet.«

Schicksal der Welten – Kapitel 5

Ich presste meine Augen so fest zu wie ich nur konnte, erlaubte mir selbst nicht zu atmen, und klammerte mich weiterhin an Even fest. Erst als die Welt um mich herum wieder anhielt, ließ ich ihn langsam los.
Gerade, als ich es wagen wollte meine Augen zu öffnen, riss er sich keuchend von mir los, stemmte sich auf sein linkes Bein und hielt mir seine Hand hin.
Ich blinzelte und sah ihn dann verwirrt an. »Was ist…was ist passiert?«
»Steh erst mal auf! Ich werde dir alles erklären aber nicht hier! «, befahl er und packte mich stattdessen am Arm. Während er aufstand zog er mich mit sich hoch.
»Aber ich verstehe nicht «, flüsterte ich verwirrt und sah mich um. Wir waren immer noch in der Gasse. die Mauer, wo der Eimer krachend gegen geschmettert wurde; war direkt hinter mir, doch irgendwas stimmte hier nicht. Der Himmel war düster, was alles um mich herum dunkler erscheinen ließ, beängstigender.
Langsam drehte ich mich um und erschrak. »Wie kann das sein? «, flüsterte ich und streckte meine Hand zur Mauer aus. Es ragte sich Efeu und Moos an ihr hoch, es war fast nichts mehr von ihr zu sehen. Die Steine jedoch, die noch zu sehen waren, bröckelten und die Mauer auf der anderen Seite sahen aus, als wären sie die Überreste eben dieser Mauer, die einen Bombenangriff überlebt hatte.
»Was soll das alles? Wie konnte…wie ist…wo sind wir? «, fragte ich Even betrübt und drehte mich wieder zu ihm um. Plötzlich hatte ich das Gefühl, der Mantel würde mich erdrücken.
Even hielt meinem Blick nicht stand, er sah zu Boden und schien dabei tief in Gedanken.
»Du würdest es nicht verstehen «, waren lediglich seine Worte. Er wirkte, als hätte er wegen irgendwas aufgegeben.
Was hatte er da gerade gesagt?
»Even! «, forderte ich und machte einen Schritt auf ihn zu, »sag mir, was hier los ist! «
Erst jetzt bemerkte ich all die Geräusche um mich herum. Es waren mehrere Martinshörner zu hören und das Gemurmel von Menschen, die sich unterhielten, viele Menschen.
Er schloss für einen Moment die Augen, rieb sich seine Schläfe mit seiner behandschuhten Hand und sah dann in den Himmel, als würde er ein paar Tränen unterdrücken.
»Ich wollte das hier nicht, ich wollte, dass du normal aufwächst. Nicht so und vor allem nicht… «
Er beendete den Satz nicht, biss sich lediglich betrübt auf die Unterlippe und wartete auf eine Antwort.
Jetzt wurde es mir wirklich zu bunt. »Even, ich weiß nicht mal wovon du redest! Jetzt mach den Mund auf, verdammt noch mal! Was kann so schlimm sein, dass du es mir nicht sagen kannst? «
Er sah mich lediglich an, mit diesem Blick, der so viel aussagte und auch wieder nicht. Ich sah, dass seine Augen mit Tränen gefüllt waren, doch ich wusste nicht wieso.
Es traf mich aus irgendeinem Grund.
Wieso fühlte ich mich diesem Mann so nah? Ich kannte ihn doch kaum.
»Du willst also nicht «, zischte ich, verschränkte die Arme vor der Brust und machte einen Schritt zurück. »Dann werde ich jetzt gehen. «
Ich wollte ihn mit meinen Worten verletzten, weil ich wusste, dass ich es konnte.
Ich wartete nicht auf seine Antwort, ich ging einfach los, doch er kam mir nicht wie erhofft nach. Nein, er verharrte hinter mir.
Ich war sauer, also verschnellerte ich mein Tempo und ließ seinen Mantel einfach über die Schultern zurückfallen.
Ich erreichte das Ende der Gasse und sah mich um. Sie grenzte an die Straße, die ich eben noch entlanggegangen war, doch mich traf der Schlag, als ich sie erblickte. Irgendwas stimmte hier nicht und das ganz gewaltig: Die Menschen auf den Straßen trugen alle dieselbe Kleidung. Sie waren grau und ihre Mäntel waren die gleichen wie Evens. Geordnet liefen sie die Straße entlang, unterhielten sich, doch irgendwie wirkten sie eingeschüchtert. Alles wirkte eingespielt und geordnet.
Mein Blick fiel nach rechts in die Richtung wo eigentlich eine Einkaufsstraße war, doch diese sah aus, als wäre es leergeräumt worden und dann mit den Jahren vermodert. Scheiben wurden eingeschlagen und Läden verwüstet. Alles stank und war verwahrlost.
Aber das konnte doch nicht sein oder? Ich war doch eben erst hier gewesen und alles war normal.
Ich hielt mir beide Hände vor den Mund, um nicht zu schreien, denn das alles überforderte mich maßlos.
Mein Blick fiel nach links, als ich die großen Monitore sah. Alles in dieser Straße erinnerte mich an den New Yorker Timesquare mit seinen großen Bannern und Displays. Doch auf den großen Werbetafeln waren keine Infos zu sehen, nein etwas viel Schrecklicheres: Auf dem größten Bildschirm an dem höchsten Gebäude, das mit Sicherheit vorher auch nicht da war, waren Gesichter zu sehen. Gesichter von Menschen die gesucht wurden, wie im Wilden Westen. Immer wieder las eine Computer Stimme ihre Namen vor, direkt unter dem eigeblendeten Bild blinkte der Name auf und direkt darunter ragte die große Zahl, die wohl das Kopfgeld bedeutete.
Der erste Name, der aufblinkte war „Tera Sorth“. Sie war eine Asiatin, doch sie blickte böse drein. Ihr Gesicht prangte auf diesem großen Turm und darunter erschien die Zahl 30.000 aber keine Geldeinheit. Die Computer Stimme wiederholte dabei immer wieder mit monotoner Stimme diesen einen Satz: „Die Terroristin Tera Forth. Bitte achten sie auf ihre Umgebung! Sollten sie Tera Forth oder einen ihrer Komplizen sehen, so melden sie dies unverzüglich ihrem Commander. Bei sachdienlichen Hinweisen erwartet sie eine Belohnung.“
Dann kam das nächste Bild, welches auch wieder in jedem Schaufenster über ein Holobild projiziert worden war. Die Menschen bekamen diese Nachricht sogar auf ihre Tablets, die die Gesichter wie von Geisterhand, und wie ich es bisher nur in dem Film Minority Report gesehen hatte, anzeigte.
Eine schwarzhaarige Frau mit einem schulterlangen Bob und einer Kapuze war nun zu sehen. Allerdings war das Foto wohl aufgenommen worden, als sie schlecht drauf war, denn sie schrie darauf genervt in die Kamera. Auch hier erfolgte wieder die Computerstimme, die mich jetzt schon nervte, doch ich erfuhr, dass die Frau Catherine Wella hieß. Darunter allerdings erschien die Zahl 40.000.
Das nächste Bild jedoch versetzte mir einen Stich ins Herz. Ich konnte nicht anders, als meine Augen weit aufzureißen. Es war darauf ein großer Mann zu sehen, er war Mitte dreißig und hatte lange weiße haare, die zurück geflochten waren. Es ragte eine große Narbe über seinem Auge, doch das Foto wurde scheinbar in Bewegung gemacht, denn es war verschwommen.
Ich konnte es nicht glauben, denn es war ein Bild von Even nur mit weißen statt rötlichen Haaren.
Die Computerstimme ertönte erneut und diesmal blinkte die Zahl 100.000 auf.
Ich fiel auf meine Knie und konnte es nicht glauben. Even, ein Terrorist?
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wurden plötzlich ein paar Leute auf mich aufmerksam. Sie unterhielten sich, doch plötzlich wurden ihre Stimmen leiser und immer mehr von ihnen sahen zu mir herüber. Mit meinen für sie bunten Klamotten fiel ich natürlich sofort auf.
Oh Gott, wo war ich hier nur gelandet? Diese Welt wirkte überhaupt nicht mehr wie die, die ich kannte. Wo hatte er mich nur hingebracht?
Aus der Menschenmenge vor mir lösten sich ein paar Personen, kamen vorsichtig blickend langsam auf mich zu und sahen mich argwöhnisch an. Sie sahen nicht freundlich gesinnt aus, nein, ganz im Gegenteil, sie wurden immer schneller.
Die ersten Menschen hatten bereits die Hälfte der Straße erreicht, ehe ich aufstand und mein Puls, wie abermals an diesem Tage, zu pochen begann. Ich musste hier weg, ich wusste es, doch ich wusste nicht wieso.
Plötzlich packte mich jemand unsanft von hinten, schwang mir seinen Umhang um und zog mich mit sich nach rechts. Mein Herz blieb für einen Moment stehen, als ich seinen unverkennbaren Geruch erkannte.
»Halt den Mund, komm mit mir mit und verhalt dich unauffällig, sonst sind wir alle tot!«
Ich gehorchte, denn ich wusste es war ernst. Ich nahm den Kopf runter, schlang meine Arme um ihn und versuchte die Tränen zu unterdrücken, was für mich gerade kaum noch möglich war.
»Hey! «, ertönte hinter uns die erste Stimme.
»Hey ihr! Bleibt stehen! «, rief der nächste etwas rauer.
Evens Geschwindigkeit zog an und ich versuchte mitzuhalten, doch es wurden immer mehr Menschen auf uns aufmerksam und bauten eine Mauer vor uns auf. Polizei Sirenen ertönte immer lauter und Even blieb plötzlich stehen.
»Fuck! «, flüsterte er verärgert und sah mich an.

Schicksal der Welten – Kapitel 4

Wie ich wieder an diesen Ort zurück gelangt war, wusste ich selbst nicht. Wieso ich hier war, war mir ebenfalls ein Rätsel und alles was ich wusste war, dass ich hier sein muss – wieso auch immer.Meine Haare lagen schwer auf meinen Schultern. Es war noch nass vom Duschen, soweit erinnerte ich mich langsam wieder und allmählich blitzten sogar wieder ein paar kleine Gedankenfetzen in meinem Kopf auf.
Es versetzte mir einen kurzen Schlag, als sich ein Bild vor mein geistiges Auge schob: Ich war nach dem Duschen die Treppe hinabgelaufen mit den Worten » Bin noch mal weg Mum. Komme aber sofort wieder! « Dann hatte ich so schnell wie möglich die Tür hinter mir zu gezogen und bin losgerannt. Ich wusste scheinbar, dass Mum mich aufhalten würde, also nahm ich die Füße in die Hand und lief los.
Doch wie ich hier her kam, wollte mir einfach nicht einfallen. 
Ich bin schon mal hier gewesen, so viel war sicher und es fühlte sich auch komisch an, hier an diesem Ort auf diese Mauer zu blicken.
»Warum bin ich hier? «, murmelte ich, während ich mich fragend umsah. Diese kleine Gasse, die am Tage schon so furchteinflößend war, doch zu dieser späten Stunde war sie viel mehr als das. Sie war ein Tor zur Hölle. Es hätte mich nicht gewundert, käme just Jemand hinter den Mülltonnen hervor und stach mich ab. Das hier war der perfekte Ort, um Jemanden umzubringen, denn es schallte noch der Lärm einer nicht so nahen Diskothek in diese kleine Ecke des Ortes, sodass mich niemand hören würde und die großen Industrie Mülleimer um mich rum, würden es einfach machen meinen Körper verschwinden zu lassen.
Der Schnee fiel langsam aus den Wolken. Nicht viel, doch es war so viel, doch es reichte, dass er liegen blieb. So viel, dass es für Fußspuren reichte.
Ich blickte zurück und sah wieder diese verdammte Mauer an und grübelte. Dass ich mich nicht erinnern konnte, was ich hier suchte war komisch und ließ mich an mir selber zweifeln, doch der Drang in mir hier zu sein, war größer als die Angst hier überfallen zu werden. Aber warum?
Ich zitterte am ganzen Leib, als ein großer Windhauch von vorne nach hinten durch die Gasse zog und rieb mir die Arme. Wieso ich keine Jacke dabei hatte wollte mir ebenfalls nicht einfallen. Alles war so, als würde ich es durch einen dumpfen Nebel sehen, als wären dies nicht meine Erinnerungen. Naja die, die ich noch hatte. Wenigstens hatte ich an meine Schuhe gedacht.
Ich konnte mir nicht helfen: Je mehr ich darüber nachdachte was in den letzten Stunden passiert war, desto weniger erinnerte ich mich. Langsam wurde ich echt wütend, doch es half alles nichts, nicht mal das angestrengte Gesicht, das ich dabei machte.
Mein Blick glitt über den Boden, ich bückte mich, um nach einer kleinen Blume zu greifen, die zwischen zwei Steinen hervor gewachsen war. Sie war rot und wunderschön.
Ein Lächeln huschte sofort über mein Gesicht, als ich daran dachte, dass Rot meine Lieblingsfarbe war.
Plötzlich hörte ich hinter mir ein leises Geräusch und fuhr herum.
»Wer ist da? «, flüsterte ich vorsichtig, denn ich war mich sicher, dass ich jetzt nicht mehr alleine war. Die Angst stieg unterdes wieder in mir hoch, ließ meinen Puls sofort in die Höhe schießen. Mein Blick schoss nach vor, zur Seite und auch nach Oben. Doch da war Niemand. 
Meine Gedanken schienen mir wohl einen Streich zu spielen, doch gleichzeitig glaubten sie auch nicht daran, dass ich verrückt würde.
Ich rieb mir hastig durchs Gesicht, versuchte mir dadurch etwas Klarheit zu verschaffen und meine Gedanken zu ordnen, doch als ich meine Augen öffnete, sah ich sie: Fußspuren. Ich war also nicht verrückt.
Sie waren die Sorte Spur, von denen ich jetzt definitiv Angst haben sollte, denn sie waren groß und zeigten genau in meine Richtung. Als wäre Jemand auf mich zu gelaufen und dann vor mir einfach verschwunden.
Wie konnte das passieren? Wo kamen sie her und wieso habe ich den dazu gehörigen Mann nicht gesehen, als er sie hinterlassen hat?
Ich war mir jetzt sicher, dass meine Sinne mir einen Streich spielten und meine Beine trugen mich unweigerlich rückwärts auf die Mauer zu. Ich ließ nicht zu, dass ich verrückt wurde, weshalb ich panisch nach links und rechts blickte, während ich einen vorsichtigen Schritt nach dem anderen zurücksetzte.
Ich war so panisch, dass ich nicht bemerkte, dass ich auf die Wand zu lief und gegen sie knallen werde, doch ich dachte auch nicht darüber nach, denn an alles, was ich denken konnte, waren diese verdammten Fußspuren.
Ich hatte die Mauer fast erreicht, fuhr mit meinen Armen um meinen Körper, der inzwischen eiskalt war und fing an zu weinen. Warum ich das tat? Ich wusste es nicht.
Ich war mir sicher, ich hätte die Mauer erreicht, prallte mit meinen Schulterblättern zuerst gegen sie und stieß dann wieder etwas nach vorn, doch die Mauer war nicht wie angenommen kalt und rau. Nein, sie war warm und weich. Doch wieso?
In dem Moment, als ich mich umdrehte schwarnte mir bereits böses. Ich verkrampfte, drehte meinen Kopf so langsam wie ich nur konnte zur Seite, und sah ihn: Den Mann, weshalb ich hier war.
Meine Augen wurden so groß, dass sie mir fast herausfielen, mein Herz schlug mir bis zum Hals und mein Magen drehte sich, doch das alles änderte sich ganz plötzlich und mit einem Schlag. Das alles hörte sofort auf, als ich es spürte: Die Wärme seiner Jacke breitete sich von meinen Schultern über meinen Rücken, bis hin zu meinen Beinen aus, denn sie ging mir bis zum Boden. Das Fell, dass sich an dem Mantel (Nein, es war scheinbar doch keine einfache Jacke) befand, war weich und sanft und nahm mich liebevoll in Empfang, ließ mich den Atem anhalten und roch dabei nach etwas, das ich im ersten Moment nicht einordnen konnte. Nun stand ich vor ihm, nach hinten lauernd und wusste nicht, was ich tun sollte, denn seine Hände ruhten immer noch auf meinen Schultern. Er hatte sie noch nicht wieder weggenommen, seit er mir seinen Mantel über die Schultern gelegt hatte. Sie waren ebenfalls warm, und auch sonst schien nichts an ihm darauf hinzudeuten, dass er selbst kalt hatte. Im Gegenteil, er wirkte glücklich und zufrieden, doch es lag auch Leid in seinen Augen, das sah ich nun. Wir starrten uns gegenseitig an, er schien etwas sagen zu wollen, doch er tat es nicht. Sein Kiefer war angestrengt, seine Augen verengt.
Als er bemerkte, dass ich ihn nicht auf die gleiche Weise anstarrte wie er mich, nahm er seine Hände langsam zur Seite und ich machte einen Schritt nach vorn, als plötzlich ein stechender Schmerz durch meine Schläfe zog. Schlagartig war alles wieder da: Die Männer, diese Gasse und vor allem: Nora.
Der Schmerz nahm mich ein, pulsierte in meinem Hirn und zeigte mir auf einen Schlag all die Bilder, die ich scheinbar verdrängt hatte. Das hier war der Ort. Der Ort, an dem Nora starb, an dem Die Männer uns töten wollten.
Ich hielt den Druck nicht aus und fiel auf die Knie. Der Mantel landete links und rechts von mir sanft im Schnee, doch er wärmte mich noch immer. 
»Es wird alles gut «, flüsterte er, um mich zu beruhigen und ging ebenfalls in die Hocke.
Ich fuhr hoch, denn ich wollte nicht, dass er mich noch ein Mal berührt. »Wer bist du? « 
Ich wusste nicht, ob er Freund oder Feind war, das galt es erst einmal zu klären.
Er sah mich verblüfft an. »Wer ich bin? «
Ich blieb standhaft und wisch seinem Blick nicht aus. 
Ein arrogantes Lächeln umspielte plötzlich seine Wundwinkel, während er sich wiederaufrichtete. »Ich bin einfach nur ein Mann, der dich gerettet hat. Mehr musst du nicht wissen! Dankbarkeit ist das, was ich eigentlich von dir sehen wollte.« 
Mein Kiefer spannte sich an und ich machte einen großen Schritt zurück. »Ich muss nicht mehr wissen und dankbar soll ich auch noch sein? Wir müssen zur Polizei, verdammt! Ich erinnere mich endlich wieder! « 
Sein Blick veränderte sich sofort. Der ohnehin schon große Mann vor mir, wirkte plötzlich noch großer, als er einen Schritt auf mich zu machte und aufschloss. »Das wirst du nicht! «, sagte er eindringlich. »Du wirst das hier vergessen! Egal wie schwer das für dich sein wird, du wirst das wieder vergessen! « Ruckartig nahm er seinen Arm hoch, griff damit nach meinem, zog mich nah an sich und sah mir jetzt direkt in die Augen, sodass ich den Atem anhielt. So schnell, wie er mich an sich gezogen hatte, konnte ich gar nicht reagieren. Die Träne, die mir aus dem Auge kullerte fing er mit seinem Daumen auf und legte dann seine große Hand auf meine Wange.
Er betonte jetzt jedes Wort einzeln und es lag so viel Intensität darin, dass es mir eine Gänsehaut über den ganzen Körper jagte. »Du wirst dich nicht mehr an das hier erinnern! Du wirst nach Hause gehen und dein Leben ohne Krieg, Leid und Verlust fortführen. So, wie ich es für dich vorgesehen habe. Für dich und für mich! « 
Ich schluckte schwer und konnte meine Augen nicht von seinen lösen. Sein Gesicht war nur wenige Zentimeter von meinem entfernt und erst jetzt erinnerte ich mich wieder, was das für ein Duft war. Er roch nach Blumen in einer warmen Sommernacht.
Ich starrte ihn weiterhin an, nutzte die Chance mir sein Gesicht einzuprägen und dachte nicht weiter über seine Worte nach, denn für mich machten sie eh keinen Sinn. Oder vielleicht wollte ein Teil von mir auch gerade nicht darüber nachdenken.
Kleine Schneeflocken hatten sich auf sein geflochtenes Haar gesetzt, ließen ihn weicher wirken und normal. Zu normal, denn das war er nicht, das sah ich ihm gerade einfach an.
Er war nicht wie die Jungs, die ich kannte, nein, das zeigten mir seine Gesichtszüge, die scheinbar schon viel Leid ertragen hatten. Wie alt er jedoch war, konnte ich nur schätzen, doch würde ich wetten müssen, würde ich auf Mitte dreißig tippen. Über seinem linken Auge ragte eine tiefe Narbe, die ihn angsteinflößend machte, was sein Vollbart jedoch wieder wettmachte, weil ich ihn, so doof das auch klang, einfach anfassen wollte. Es sah weich aus, er fühlte sich sicher gut an.
Wie von Geisterhand stieg meine Hand in die Luft, aus dem Augenwinkel sah ich, wie sie auf sein Gesicht zufuhr. Innerlich schrie ich sie an es nicht zu tun, doch kurz davor stoppte ich und sah ihm wieder in die Augen.
Mein Herz machte einen Satz nach vorne, als ich bemerkte, dass er es genoss, wie ich ihn ansah, dass ich ihn musterte. 
Sofort riss er sich von mir los, trat zurück und drehte sich weg. Abermals kramte er in seiner Tasche, so, wie er es beim letzten Mal auch schon getan hatte.
»Was hat es mit der Uhr auf sich? «, hörte ich mich fragen und glaubte plötzlich selber nicht, dass ich das wirklich gefragt hatte.
Er sagte nichts, sah mich lediglich wieder an und schien genervt.
»Was? «, fragte ich patzig und verschränkte die Arme.
»Das war ja klar «, sagte er etwas zu abwertend und kam auf mich zu, während er seine Uhr wieder in seine Hosentasche steckte. »Die Prinzessin lässt sich wieder mal nicht beeinflussen. Wie immer. « 
Mit diesem Satz packte er mich am Arm, ging an mir vorbei und zog mich dann hinter sich her.
»Was machst du denn da? «, rief ich verwirrt und wehrte mich gegen seinen Griff, doch er war stärker. Er schaffte es mich mit sich zu ziehen, egal wie sehr ich versuchte meinen Arm aus seinem Griff zu lösen. Ich schrie, stemmte mich gegen ihn und resignierte schließlich, als wir den großen Container erreicht hatten.
Er sah mich wieder an.
»Was? «, zischte ich genervt und verdrehte die Augen.
»Könntest du etwas leiser sein? «, flüsterte er und holte erneut seine Uhr aus der Tasche.
»Ja, juhu «, machte ich mich über ihn lustig und wedelte mit den Armen, »er holt wieder seine Taschenspielertricks raus.« 
Oh! ich hatte ihn mit diesen Worten wohl getroffen, denn sein Gesicht wurde starr und seine Augen glühten. Ich wusste, das hätte ich nicht sagen sollen. Die Uhr schien ihm wirklich was zu bedeuten.
Gerade, als ich zu einer Entschuldigung ansetzen wollte, gab es hinter uns einen lauten Knall. Der Mülleimer, der eben noch vorne am Anfang der Gasse gestanden hatte, flog plötzlich mit einer Wahnsinns Geschwindigkeit in unsere Richtung, wie ich es noch nie gesehen hatte. Der Mann, dessen Namen Even war – ich erinnerte mich plötzlich in diesem Moment wieder daran – bekam mich noch zu packen und warf mich zu Boden. Der Eimer knallte hinter uns gegen die Mauer, zersprang mit einem lauten Knall in tausend Teile und fiel zu Boden. Der Müll stank fürchterlich. Ich hatte wohl recht mit dem Leichen los werden.
Mein Herz raste wie wild, denn es ging alles so schnell. Panisch sah ich auf, direkt in Evens Augen, doch dann sah ich etwas, dass ich dort noch nicht gesehen hatte: Furcht.
»Das kann nicht wahr sein! Nein…nein nein nein! Sie haben uns gefunden! «, murmelte er panisch.
Ich schaffte nicht mehr da hinzublicken, wo er hingesehen hatte, um zu sehen, was ihn so ängstigte, denn er warf sich blitzschnell auf mich, umklammerte seine Uhr mit der einen Hand und mich mit der anderen. Ehe ich mich versah, fing die Welt um mich herum an zu vibrieren. Die Welt verlief und verzerrte sich, und mein Körper sendete mir Signale, die ich bisher nicht kannte. Es riss mich förmlich auseinander, und ich hatte das Gefühl, in einem Fleischwolf zu stecken und die Angst, vor dem was kam, packte mich erneut. Ich konnte nicht anders, als mich an ihn zu pressen und meine Augen zu schließen. Ich beschloss ihm zu vertrauen, denn schließlich hatte er mich schon einmal gerettet. 
Mein Körper zitterte und bebte, doch es war alles plötzlich so schnell vorbei, wie es angefangen hatte. Verblüfft öffnete ich meine Augen.